Leseprobe
Jack & Clara · Band 6
Sie steht auf Frauen. Er auch.
Kapitel 1 – Sieben Tage
Clara rührte sich nicht, nicht einmal mit den Zehen. Es gab ein Davor und ein Danach, und sie lag im Danach.
Ein fremdes Zimmer. Fremde Laken, rau, nach Waschpulver und kaltem Rauch.
Unter den Dielen der Bass der Jukebox, dumpf und gleichmäßig, derselbe Schlag, für den unten jemand Münzen nachwarf. Hinter ihr atmete eine Frau.
Langsam.
Ruhig.
Claras Haar klebte ihr an der Stirn und im Nacken, und das Kissen darunter war nass. Sie drehte es nicht um.
Sie hatte sich Evelyn genommen.
Nicht umgekehrt. Sie.
Sie wartete auf die Reue. Auf die Stimme, die ihr einundzwanzig Jahre lang erklärt hatte, was Sünde war und was danach kam. Sonntags von der Kanzel. Werktags am Esstisch. Abends aus dem Arbeitszimmer.
Die Stimme kam nicht.
Stattdessen kam etwas anderes, leise: Die sieben Tage waren es wert gewesen. Der Hunger. Der Dreck. Die Nächte mit dem Rücken an einer Wand. Sie hätte vierzehn gegeben. Einundzwanzig.
Sie hätte weitergezahlt, mit dem leeren Magen, mit den Blasen an den Fersen, mit jeder Nacht an der Mauer. Für diese eine.
Am Bahnhof hatte die Streife sie abgefangen, keine zehn Minuten nach der Ankunft. Zwei Uniformen, einer davon mit einem Pappbecher Kaffee.
„Clara Anderson?“ Der Polizist hielt ein Handy hoch und verglich das Foto darauf mit ihrem Gesicht. Einmal das Foto. Einmal Clara. „Ihre Eltern suchen Sie.“
„Ich bin einundzwanzig.“
Er blätterte, seufzte und steckte das Handy weg. „Dann kann ich nichts machen.“
Sein Kollege trank einen Schluck und sah schon zur nächsten Bank.
Clara zog den Koffer aus der Bahnhofshalle, bevor einer von beiden es sich anders überlegte. Nichts machen. Etwas Schöneres sagte ihr in den sieben Tagen danach keiner mehr.
Die Adresse für den Job war ein leeres Ladenlokal mit Brettern vor den Fenstern.
Clara las die Hausnummer dreimal und klopfte gegen die Bretter, weil man an Türen klopfte.
Die Kaution, überwiesen an einen Mann, der am Telefon freundlich gewesen war, war weg.
Den Koffer riss ihr am zweiten Abend einer aus der Hand, während sie auf einer Bank einnickte.
Sie rannte ihm nach, zwei Blocks weit, in Schuhen, die für Kirchgänge gemacht waren. An einer Kreuzung blieb sie stehen und keuchte. Vier Straßen. Ampeln, die für niemanden umsprangen. Sie wusste nicht mehr, in welche Richtung.
Am vierten Tag aß sie aus einer Tonne hinter einem Diner. Ein halber Burger, kalt, mit dem Biss eines Fremden darin. Sie aß ihn trotzdem, im Stehen, mit dem Gesicht zur Wand.
Das Tischgebet. Die Serviette auf dem Schoß. Die Gabel in der linken Hand.
Beim ersten Krampf im Magen war das alles weg gewesen.
Nachts schlief sie nicht. Sie saß mit dem Rücken an einer Mauer und zählte die Schritte, die vorbeigingen. Und die, die stehen blieben.
Einmal blieb einer lange stehen. Zwei Schuhspitzen, ein Hosensaum, Zigarettenrauch. Sie hielt den Atem an, bis er weiterging.
Zur Polizei ging sie nie. Die Polizei hätte angerufen, und am Telefon wäre ihr Vater gewesen.
Na, du kleines Stück Nichts. Hast du ernsthaft geglaubt, du überlebst da draußen?
Zuerst der Tisch aus Eiche im Arbeitszimmer des Richters. Das Knien. Das Bitten. Und danach wieder funktionieren, Sonntag für Sonntag, ohne einen einzigen Fehler.
Alles ist besser als der Rückweg.
Sie sagte es sich jeden Morgen. Auch an diesem Morgen, als ein Ladenbesitzer sie mit dem Besen aus seinem Eingang fegte.
„Nicht vor meiner Tür.“
Zwei Stöße in die Rippen. Einer ins Gesicht. Sie schmeckte Blut und stand wieder auf.
Der Mann fegte die Stelle, an der sie gesessen hatte, zweimal nach. Clara setzte sich drei Meter weiter auf die Bordsteinkante.
Eine Frau blieb stehen. Eine Einkaufstüte im Arm, oben schaute ein Bund Lauch heraus.
Ihr Blick nahm Clara einmal von oben bis unten: die aufgeplatzte Lippe, die zerrissene Bluse. Die Knie, die zusammenblieben. Die Hände im Schoß. Der Rücken, gerade wie in einer Kirchenbank, auf einer Bordsteinkante.
„Hunger?“
Clara nickte.
„Komm.“
Die Frau ging los und sah sich nicht um. Clara stand auf und holte sie ein.
Sie gingen nebeneinander. Die Frau nahm die Tüte auf den anderen Arm, damit der Lauch Clara nicht ins Gesicht schlug. Nach einem Block fragte sie: „Wie heißt du?“
„Clara.“
„Clara.“ Die Frau probierte das Wort. „Passt noch nicht zu dem Gesicht. Wird schon.“
Drei Straßen weiter stieß die Frau eine Tür mit der Schulter auf. Drinnen Halbdunkel, Bier, Holzpolitur. Hinter dem Tresen stand Evelyn.
Schwarzes Haar, streng zurück. Ein dunkelroter Mund. Tätowierungen, die am Hals anfingen und im Ausschnitt verschwanden, ein Ring in der Unterlippe, ein zweiter in der Braue.
Sie polierte ein Glas und sah Clara an und hörte nicht auf zu polieren.
„Wen hast du da aufgelesen?“
„Eine, die isst“, sagte die Frau mit der Tüte. „Wenn man sie lässt.“
Evelyn stellte das Glas ab. Sie lächelte. Nicht freundlich. So hielt man hinter einem Tresen einen Schein gegen das Licht.
„Oben“, sagte sie.
In der Wohnung über der Bar stellte sie Clara einen Teller hin. Clara aß mit den Fingern.
Als die Hälfte weg war, sah sie auf ihre Hände. Fett bis an die Knöchel. Die Gabel lag sauber neben dem Teller.
Evelyn lehnte am Türrahmen, eine Zigarette in der Hand, und sagte nichts, und sah zu. Die Asche wurde lang. Sie streifte sie nicht ab.
„Dusch“, sagte sie dann. „Handtücher im Regal.“
Clara stand auf und nahm den Teller mit. Sie hielt ihn in der Hand und sah sich nach einer Spüle um.
„Lass stehen.“
Clara ließ ihn stehen.
Das Wasser war heiß. Clara stand darunter, bis es kalt wurde.
Sie schrubbte, bis die Haut an den Armen rot war, und seifte sich ein zweites Mal ein und ein drittes.
Das Wasser zu ihren Füßen lief grau ab, dann hell, dann klar. Der Dreck ging ab. Die Schultern blieben oben, und zweimal drehte sie sich unter dem Strahl zur Tür um.
Irgendwo zwischen dem dritten und dem vierten Mal stand ein Satz da. Deutlich. Zwischen den Fugen der Kacheln.
Du hast überlebt.
Evelyn saß auf der Bettkante und zog sich die Stiefel aus, als Clara aus dem Bad kam. Der erste stand schon neben dem Bett. Der zweite klemmte an der Ferse.
Neugierig, wie es weitergeht?
Weiterlesen · Bald verfügbar