Leseprobe · 18+
Jack & Clara · Band 9
Clara ist ein Engel und Kant kann zur Hölle fahren
Kapitel 1 – Die Fahrt ins Nirgendwo
Die Stoßdämpfer des alten Ford-Transporters waren seit Jahren hinüber. Jedes Schlagloch der unbeleuchteten Landstraße ging durch das Blech und direkt in die Wirbelsäule. Clara saß hinten auf der durchgesessenen Bank. Es roch nach altem Schweiß und nach dem Wunderbaum am Rückspiegel, Vanille, seit Wochen tot. Die Sporttasche hielt sie mit beiden Armen auf den Knien.
Darin das Handwerkszeug für heute Nacht. Das Kostüm, knapp und billig. Ersatzstrümpfe, drei Paar. Gleitgel, die große Flasche. Ihre kleine Apotheke: Schmerzmittel, Salben, Zäpfchen, alles in einer Frischhaltedose, damit nichts auslief.
Die würde sie heute brauchen, dringender als sonst. Ganz unten, zwischen Handtuch und Waschzeug, steckten die Kondome, die sie am Nachmittag selbst gekauft hatte.
Drei Packungen à zwanzig, an der Drogeriekasse, hinter einer Frau mit Windeln. Mikes Kondome nahm sie nur im Notfall. Mikes Kondome waren billig, und billig riss.
Sie trugen Alltagskleidung. Jeans, Kapuzenpullis. Bei Clara darunter schon die Strapse, die beim Sitzen in die Oberschenkel schnitten.
Keine Schminke, dunkle Ränder unter den Augen. An einer Bushaltestelle hätte man sie für drei Verkäuferinnen nach der Spätschicht gehalten. Zu Fleischpuppen machte man sie erst drinnen, mit Pinsel und Haarspray.
Hinten gab es keine Fenster. Nur Blech, Dunkelheit und das Dröhnen der Reifen.
Auf Mias Armbanduhr leuchtete 19:12. Um acht ging es los. Keine hatte danach gefragt, aber alle drei hatten hingesehen.
Mia, die Jüngste von ihnen, tastete über das Bodenblech und stieß auf einen Stapel zerknitterter Flugblätter.
Der Fahrer hatte sie letzte Woche in der Stadt verteilt, wahllos, an Laternen, unter Scheibenwischern, in Telefonzellen, um die Männer anzulocken.
Ein paar lagen noch zertreten im Fußraum, mit Reifenabdruck quer über dem Gesicht einer Frau, die Clara nicht kannte.
Mia zog eines der saubereren heraus und knipste eine kleine Taschenlampe an. Der Lichtkegel zitterte über das Papier.
„Wow … Clara“, flüsterte Mia und hielt den Lichtstrahl direkt auf das Foto. „Auf diesem Bild warst du noch richtig jung.“
Sie hielt Clara den Flyer hin. Ein Mädchen lächelte in die Kamera, rund im Gesicht, keine Ränder unter den Augen, den Kopf schief gelegt, und irgendwer hatte ihr gerade etwas Nettes gesagt.
Clara nahm den Flyer und suchte in dem Gesicht nach dem, der das gewesen war. Es fiel ihr nicht ein. Sie gab ihn zurück.
„Ja, und heute …“, mischte sich Roxy ein, die Kleinste der drei, schmal und zäh, beugte sich vor und tippte auf eine andere Ecke des Papiers. „Roxy, ohne Schwangerschaftsstreifen.“ Sie lachte auf, kurz und kratzig, ein Laut wie ein Feuerzeug, das nicht zündet, und boxte Mia leicht in die Seite. „Kampfspuren, Mädchen. Das sind verdammte Kampfspuren.“
Mia las weiter, mit der Lampe unter dem Kinn wie beim Gruselgeschichtenerzählen. „Gangbang-Friday. Eintritt sechzig, Mitmachen hundertzwanzig.“ Sie fuhr mit dem Finger die Zeile hinunter. „Fluffer: Mia und Roxy.“
„Wenigstens richtig geschrieben“, sagte Roxy.
„Letztes Mal stand da Moxy.“
„Letztes Mal hat auch keiner gefragt, wer Moxy ist.“
Mia hielt die Lampe näher an das Kleingedruckte. „Safer Sex garantiert. Professionelle Hygiene-Station.“
„Hygiene-Station“, sagte Roxy. „Das ist der Eimer.“
„Und der Lappen“, sagte Clara.
Mia faltete den Flyer zweimal und schob ihn Clara in die Seitentasche der Sporttasche. „Für später.“
„Wofür?“
„Damit du weißt, wie du mal gelächelt hast.“
Clara zog ihn wieder heraus und ließ ihn in den Fußraum fallen, zu den anderen.
Keiner lachte. Roxy hatte es vorhin einmal probiert. Ein zweites Mal probierte sie es nicht, sie zog nur die Ärmel über die Finger. Mia knipste die Lampe aus.
Drei Taschen auf drei Schößen. Drei Blicke ins Dunkel. Keine sagte etwas, auch nicht, als der Transporter über eine Bahnschwelle rumpelte und alle drei gleichzeitig mit dem Kopf gegen die Blechwand schlugen.
„Aua“, sagte Mia.
„Wofür, Aua?“, fragte Roxy. „Das ist noch gar nichts.“
Roxy kratzte mit dem Daumennagel an ihrem Lack. Schicht für Schicht, Rot, darunter ein älteres Rot, darunter der Nagel.
Mia hatte sich eine Haarsträhne vors Gesicht gezogen und suchte nach Spliss, immer dieselbe Strähne, obwohl sie im Dunkeln nichts sehen konnte.
Clara saß still. Kiefer fest. Atem durch die Nase, vier Zählzeiten ein, vier aus, wie sie es sich vor Jahren beigebracht hatte. Ihre Hände lagen um den Tragegurt wie um ein Brückengeländer. Die Nägel lang und frisch gemacht, rot wie der Lippenstift, der drinnen auf sie wartete.
Beim letzten Mal hatte sie bei Nummer vierunddreißig die linke Hand gehoben.
Der Security-Mann hatte den Typen von ihr heruntergezogen, an den Schultern, wie man einen Hund vom Sofa zieht. Sie hatte eine Viertelstunde auf dem Boden der Dusche gesessen, das Wasser auf dem Kopf.
Sie hatte mitgezählt, wie lange sie noch durfte, bevor Mike an die Tür klopfte. Siebzehn Minuten waren es gewesen. Danach noch sechzehn Männer.
„Heizung?“, rief Roxy nach vorn.
„Kaputt.“
„Radio?“
„Auch kaputt.“
„Was geht an diesem Scheißding überhaupt noch?“
Der Fahrer tippte zweimal auf die Hupe. Sie hupte. Roxy lehnte sich zurück und kratzte weiter.
Sie sah zu Clara hinüber. Von ihnen dreien hatte Clara heute den härtesten Job: fünfzig Schwänze, mindestens, einer nach dem anderen, ohne Pause, alle in sie hinein.
Roxy und Mia teilten sich nur die Vorarbeit, jede die Hälfte. Und trotzdem zog Roxy schon hier im Dunkeln die Schultern bis an die Ohren.
Ein fremdes, ungewaschenes Glied im Mund, während derselbe Kerl ihr an die Brüste griff.
Manche griffen noch weiter runter, an die Möse, weil das ja im Preis inbegriffen war. Sie schob den Gedanken weg. Sie kratzte weiter.
Mia dachte an die Stinker. Kerle, die sich tagelang nicht gewaschen hatten und trotzdem erwarteten, dass man ihnen den dreckigen Schwanz in den Mund nahm.
Grenzen hatte auch Mia. Aber die lagen inzwischen so weit draußen, dass sie sie in diesem Sumpf fast nie zu sehen bekam. Dazu der Zahn.
Hinten links, seit Tagen, ein Pochen, das nicht aufhörte. Ausgerechnet heute würde sie den Kiefer wieder unzählige Male aufreißen müssen, bis es knackte.
Das Wichtigste war die flache Hand am Becken der Männer. Abstand halten. Sonst stießen sie zu tief zu, und sie würgte.
Sie drückte zwei Finger gegen die Wange.
„Zahn?“, fragte Clara, ohne den Kopf zu drehen.
„Hinten links.“
Clara zog den Reißverschluss der Tasche ein Stück auf, tastete, drückte Mia eine Tablette in die Hand. „Nimm die jetzt. Nicht erst drinnen.“
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