Leseprobe
Jack & Clara · Band 8
Mist, wir sind verheiratet!
Kapitel 1 – Die Gattin
Jack sah auf seine Armbanduhr, den Daumen noch am Zündschlüssel. Acht Uhr. Der Sekundenzeiger stand auf der Zwölf, als er den Motor abstellte.
Um sieben Uhr zwölf war er losgefahren. Für die Strecke rechnete er fünfundvierzig Minuten, dazu eine halbe Stunde Puffer, dazu eine Viertelstunde für den Fall, dass der Puffer nicht reichte.
Heute: Grün an der Kreuzung. Grün am Ring. Grün vor der Brücke.
Der Müllwagen, der um diese Zeit sonst die rechte Spur blockierte, stand mit laufendem Motor in einer Einfahrt und ließ ihn vorbei. Direkt vor dem Eingang war ein Parkplatz frei.
Er stieg aus und sah auf die Reifen. Links eine Handbreit bis zur weißen Linie. Rechts eine Handbreit.
Er fuhr nicht noch einmal vor und zurück.
Er verriegelte den Wagen und zog am Türgriff. Die Tür blieb zu. Er machte zwei Schritte, drehte sich um und zog noch einmal.
Zu.
Die Mappe lag auf dem Beifahrersitz, obenauf der Termin: neun Uhr. Die Marketingfirma im dritten Stock. Mietrückstand, keine Antwort auf drei Schreiben. Jack ließ sie liegen. Er kannte sie auswendig.
Er schob die Hände in die Taschen seines Mantels und ging los. Vierzig Schritte bis zur Laterne am Ende des Vorplatzes.
Er tippte mit zwei Fingern an den Mast und drehte um. Vierzig Schritte zurück bis zur Glastür.
Beim zweiten Mal nahm er die Hände aus den Taschen. Beim dritten Mal pfiff er.
Der Hausmeister, der gerade die Glastür von innen aufschloss, ließ den Schlüssel im Schloss stecken und sah ihm nach.
Der Nieselregen der Nacht hörte auf. Jack hielt die flache Hand hin, und es kam nichts mehr. Es roch nach nassem Asphalt und nach den Abgasen der Busse auf der anderen Straßenseite.
Jack sah in den Himmel, nickte ihm zu und öffnete den obersten Knopf seines Mantels.
Beim vierten Mal sah er den Kaffeeautomaten. Er stand am äußersten Rand des Vorplatzes, eine Blechkiste mit verkratztem Plexiglas und einem Rostrand um den Münzschlitz. Davor stand eine Frau und rührte sich nicht.
Jack blieb bei achtundzwanzig stehen.
Ihr Mantel war an den Säumen fadenscheinig, der Stoff dünn, aber abgebürstet. Keine Fluse, kein Fleck.
Sie suchte in der linken Manteltasche, dann in der rechten, dann wieder in der linken.
Mit steifen Fingern zog sie eine Münze heraus, eine einzelne, angelaufene, und schob sie in den Schlitz.
Klack.
Nichts. Kein Surren. Kein Pappbecher, der in die Halterung fiel.
Sie drückte auf den Knopf. Sie drückte auf den Rückgabeknopf.
Sie klopfte mit der flachen Hand gegen das Plexiglas, nicht fest, eher so, wie man einem alten Hund auf den Rücken klopft, der gerade den Teppich angefressen hat. Der Automat behielt die Münze.
Ihre Schultern sackten nach vorn. Sie lehnte die Stirn an die Scheibe. Ihr Atem machte einen kleinen weißen Fleck auf dem Plexiglas, der Fleck wurde kleiner.
Die Frau rutschte langsam an dem Automaten hinunter, bis ihre Knie auf dem nassen Pflaster lagen. Die abgewetzte Ledertasche glitt ihr von der Schulter und klatschte in eine Pfütze.
Sie ließ sie liegen.
Jack steckte die Hände nicht wieder in die Taschen. Er las sie, wie er jede Bilanz las. Von oben nach unten.
Mantel: alt, gepflegt.
Nägel: kurz, sauber.
Ringfinger: ein heller Streifen Haut, wo ein Ring gewesen war.
Ohrläppchen: Löcher. Keine Stecker.
Haar: ein Knoten, aus dem der Wind die Strähnen zog. Am Ansatz dunkel, in den Spitzen hell, ein Sommer, den niemand nachgefärbt hatte.
Unter dem Strich: verkauft, was sich verkaufen ließ.
Die Frau hielt still, eine Hand noch am Plexiglas. Sie drehte den Kopf.
Ihre Augen waren hellblau, und unter den geröteten Lidern sahen sie noch heller aus. Und sie sahen ihn an.
Jack wusste nicht mehr, bei welcher Zahl er gewesen war.
Clara krallte die Finger in den Mantelstoff. Sieht er den Dreck an meiner Tasche?, dachte sie. Belustigt ihn das? Der feine Herr im Maßanzug sieht zu, wie ich meine allerletzte Münze an eine Blechkiste verliere. Na los. Lach doch.
„Gibt es da was zu sehen?“
Ihre Stimme war rau von der Kälte und hatte eine Kante.
„Nein“, sagte Jack. „Entschuldigung.“
Er drehte sich zur Fassade und zählte die Fenster im dritten Stock. Zwölf. Hinter ihm raschelte es. Die Frau stand auf.
Sie hob die Tasche aus der Pfütze und schüttelte sie aus, und das Wasser tropfte auf ihre Schuhe.
Jack ging nicht weiter. Er drehte sich halb zu ihr um.
„Ich frage mich …“, begann er, „ob Sie mir vielleicht erlauben würden, Sie in das Café dort drüben einzuladen.“ Er nickte zu der bordeauxroten Markise auf der anderen Straßenseite.
Sie öffnete den Mund.
„Nicht als Almosen. Sondern als Bitte. Ich habe noch eine Stunde Zeit bis zu meinem Termin und verabscheue es zutiefst, meinen Kaffee allein trinken zu müssen.“
Sie sah ihn an. Die Schuhe. Den Mantel. Das Gesicht. Die Schuhe noch einmal.
„Das ist gelogen“, sagte sie.
„Ja“, sagte Jack.
„Sie trinken Ihren Kaffee jeden Morgen allein.“
„Um acht Uhr achtundfünfzig.“
„Und heute?“
„Heute bin ich zu früh.“
„Wie früh?“
„Eine Stunde.“
„Und was macht man mit einer Stunde?“
Jack sah zur Laterne am Ende des Vorplatzes. „Bis eben: vierzig Schritte hin, vierzig zurück.“
Hinter der Glastür drehte der Hausmeister den Schlüssel endlich um.
Ihre Finger ließen den Mantelstoff los.
„Als Bitte“, wiederholte sie.
„Als Bitte.“
Sie überlegte. Ihr Magen überlegte schneller.
„Einen Kaffee“, sagte sie.
Der Duft von geschmolzener Butter
Im Café Le Petit hingen Kaschmirmäntel an der Garderobe. Drinnen klirrte Porzellan, und eine Frau am Fenster lachte über etwas auf dem Handy ihres Begleiters. Ihre Handtasche hatte einen eigenen Stuhl.
Der Kellner an der Tür sah auf Claras Mantel, dann auf Jacks Mantel, dann wieder auf Claras, und machte den Mund zu, ohne etwas gesagt zu haben.
Jack ging an den freien Tischen vorbei und hielt Clara die Tür zur Terrasse auf. Draußen saß niemand.
Jack zog ihr einen Stuhl unter den Heizstrahler, der orange unter der Markise glühte. Vom hellen Raum aus sah man die Terrasse nur, wenn man sich umdrehte.
Niemand drehte sich um.
Sie bestellte einen Cappuccino, er einen Espresso. Die Tasse kam, groß, weiß, schwer, und sie legte beide Hände darum und ließ sie dort.
Neugierig, wie es weitergeht?
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