Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 8

Jack und Clara im Escort-Fieber

Kapitel 1Die Gattin

Die letzte Münze

Jack warf einen raschen Blick auf das kühle Zifferblatt seiner Armbanduhr. Acht Uhr. Der Termin bei der säumigen Marketingfirma war erst für neun Uhr angesetzt. Der morgendliche Verkehr war ungewöhnlich flüssig gewesen, und da Jack es absolut verabscheute, unpünktlich zu sein, kalkulierte er stets einen großzügigen Puffer ein.

Er schob die Hände tief in die Taschen seines maßgeschneiderten Mantels und schlenderte den feuchten Gehweg vor dem gewaltigen Bürogebäude auf und ab. Der eisige Nieselregen der Nacht hatte gerade erst aufgehört. Die klamme Morgenluft roch durchdringend nach nassem Asphalt und Abgasen.

Sein kalkulierender Blick fiel auf einen ramponierten Kaffeeautomaten am äußersten Rand des Vorplatzes – und auf die Frau, die reglos davor stand.

Ihr Mantel war an den Säumen bereits fadenscheinig; der dünne Stoff ließ auf den ersten Blick erkennen, dass er schon viele unbarmherzige Winter gesehen hatte. Doch er war penibel abgebürstet worden. Keine Flusen, keine Flecken. Mit steifen Fingern kramte sie in den Taschen, zog eine einzelne, angelaufene Münze hervor und schob sie in den verrosteten Schlitz des Automaten.

Ein dumpfes, metallisches Klacken. Dann nichts. Kein vertrautes Surren, kein Pappbecher, der erlösend in die Halterung fiel.

Die Schultern der Frau sackten augenblicklich nach vorn. Sie lehnte die Stirn schwer gegen das kalte, verkratzte Plexiglas der Maschine. Ein tiefer, zittriger Atemzug entwich ihr, der in der schneidenden Luft sofort eine kleine weiße Wolke bildete. Langsam, als hätte jemand lautlos ihre inneren Fäden durchschnitten, rutschte sie an dem Automaten hinab, bis ihre Knie den feuchten, schmutzigen Boden berührten. Die abgewetzte Ledertasche, die sie an der Schulter trug, klatschte ungeschützt in eine kleine Pfütze. Sie machte keine Anstalten, sie aufzuheben. Die Kälte schien bereits tief in ihre Knochen gekrochen zu sein.

Jack blieb stehen. Etwas an diesem stillen Bild der absoluten, restlosen Resignation hielt ihn fest. Er analysierte die Szene mit der gleichen kühlen Präzision, mit der er Bilanzen las.

Sein Blick wanderte abwägend über ihre Hände, die nun kraftlos in ihrem Schoß lagen. Die Fingernägel waren kurz, aber tadellos sauber. An ihrem Ringfinger zeichnete sich ein heller, schmaler Streifen auf der Haut ab – der Geist eines Schmuckstücks, das längst nicht mehr da war. Offenbar war sie allein, und offenbar hatte sie längst verkauft, was sich nur verkaufen ließ. Der Wind spielte rau mit den Strähnen, die sich aus ihrem provisorischen Haarknoten gelöst hatten. Am Ansatz dunkel, liefen die Spitzen in einem hellen, sonnengebleichten Blond aus. An ihren Ohrläppchen registrierte Jack winzige Einstichlöcher, doch sie trug keine Stecker. Alles von Wert war bereits veräußert worden.

Plötzlich versteifte sich die Frau. Sie schien seinen berechnenden Blick auf ihrer Haut physisch zu spüren.

Als sie den Kopf hob, stockte Jack für den Bruchteil einer Sekunde der Atem. Ihre Augen waren von einem so hellen, durchdringenden Blau, dass sie fast wie massives Eis wirkten. Und dieses Eis war nun direkt und unmissverständlich auf ihn gerichtet.

Clara krallte die klammen Finger in den rauen Stoff ihres Mantels. Ihr Kiefer mahlte vor angespannter Wut. Sieht er den Dreck an meiner Tasche? Belustigt ihn das?, schoss es ihr giftig durch den Kopf. Der feine Herr im teuren Maßanzug beobachtet das erbärmliche Spektakel, wie ich meine allerletzte Münze an eine blecherne Maschine verliere.

„Gibt es da was zu sehen?“, schnappte sie. Ihre Stimme war rau von der Kälte, aber scharf wie eine Klinge.

Jack blinzelte, scheinbar ertappt, doch sein Verstand arbeitete bereits auf Hochtouren. Sofort wandte er den Blick ab und drehte seinen Oberkörper leicht zur Seite – eine bewusste, instinktive Geste, um die Schärfe aus der Situation zu nehmen und keine unnötige Eskalation zu provozieren. Es war unhöflich gewesen zu starren. Doch er ging nicht weiter.

Er drehte sich wieder halb zu ihr um, das Gesicht eine Maske der Höflichkeit.

„Ich frage mich...“, begann er, die Stimme vollkommen ruhig, kontrolliert und frei von jedem Mitleid, „ob Sie mir vielleicht erlauben würden, Sie in das Café dort drüben einzuladen.“ Er nickte dezent in Richtung der bordeauxroten Markise auf der anderen Straßenseite. Bevor sie den Mund aufmachen konnte, um ihn reflexartig abzuweisen, schob er hastig und wohlüberlegt nach: „Nicht als Almosen. Sondern als Bitte. Ich habe noch eine Stunde Zeit bis zu meinem Termin und verabscheue es zutiefst, meinen Kaffee allein trinken zu müssen.“

Claras weiße Finger lockerten ihren krampfhaften Griff um den Stoff. Sie musterte ihn extrem misstrauisch. Keine herablassende Mitleidsmiene. Keine billige, schmierige Anmache. Als Bitte. Sie mochte den Klang dieser Worte, auch wenn ihr Verstand Alarm schlug.

Der Duft von geschmolzener Butter

Das Café Le Petit war das absolute Gegenteil des nasskalten Gehwegs. Drinnen klirrte edles, feines Porzellan, und das gedämpfte Lachen von Menschen schwebte durch den eleganten Raum – Menschen, deren Mäntel zweifellos mehr kosteten als Claras gesamte Jahresmiete.

Sie hatten schließlich Platz auf der überdachten Terrasse genommen. Die leistungsstarken Heizstrahler an der Markise glühten in einem warmen Orange und vertrieben die klamme Kälte aus Claras Gliedern, ohne dass sie sich den abwertenden, prüfenden Blicken der feinen Gesellschaft im hell erleuchteten Innenraum aussetzen musste.

Sie hielt die große, weiße Keramiktasse fest mit beiden Händen umschlossen. Die Hitze des Cappuccinos strahlte wohltuend durch das dicke Porzellan und ließ das unkontrollierbare Zittern ihrer Finger langsam abklingen. Sie senkte den Blick stur auf den perfekten Milchschaum, atmete den reichhaltigen Duft von frisch gerösteten Bohnen tief ein und mied strikt jeden direkten Augenkontakt mit dem wohlhabenden Mann ihr gegenüber.

Jack saß vollkommen entspannt, beinahe lauernd, auf dem geflochtenen Rattan-Stuhl und hob seine winzige Espressotasse. Er beobachtete sie unauffällig über den Rand hinweg. Ein leichtes, kaum merkliches Schmunzeln spielte um seine Lippen. Die absolute Diskretion dieser Frau faszinierte ihn auf eine überaus praktische Weise. Keine neugierigen Fragen nach seinem Reichtum, kein künstliches, anbiederndes Lächeln. Sie wusste, wann man schwieg. Eine seltene, wertvolle Eigenschaft.

In Claras Magen zog sich unterdessen alles krampfhaft zusammen. Ihr letztes warmes Essen war eine halbe Konservendose am vergangenen Dienstag gewesen. Der Cappuccino war zwar schwer und süß, aber die Flüssigkeit allein konnte das tiefe, schmerzhafte Loch in ihrer Mitte unmöglich füllen.

Ein Kellner in einer gestärkten weißen Schürze balancierte ein großes silbernes Tablett dicht an ihrem Tisch vorbei. Eine dicke, verlockende Wolke aus geschmolzener Butter, frischen Kräutern und gebratenem Ei zog träge durch die Luft.

Claras Augen folgten dem dampfenden Omelett, als wäre es magnetisch, ihr Blick beinahe fiebrig. Ihre Nasenflügel bebten leicht, und sie schluckte unhörbar gegen den aufsteigenden Speichel an.

Jack stellte seine Espressotasse behutsam und völlig geräuschlos auf die Untertasse. Das leise Klirren holte Clara abrupt in die harte Realität zurück. Sie riss den Blick von dem fremden Teller los und starrte beschämt wieder in ihren Cappuccino.

„Jetzt muss ich mich doch etwas schämen“, sagte Jack plötzlich, und seine Stimme durchbrach die Stille wie ein sanftes Skalpell.

Clara hob überrascht die Augenbrauen und sah ihn zum ersten Mal direkt und unverwandt an. „Wie bitte? Wofür?“

„Ich hoffe, Sie verzeihen mir meine entsetzlich schlechten Manieren.“ Er lehnte sich ein Stück vor, wodurch der Abstand zwischen ihnen schrumpfte. „Der Geruch aus der Küche hat mir gerade erst verraten, dass ich selbst noch gar nicht gefrühstückt habe. Ich habe plötzlichen, unbändigen Appetit bekommen.“ Er hielt ihren Blick fest, sein Tonfall weich, aber mit jener unnachgiebigen Bestimmtheit, die Geschäftsleute nutzen, um einen Deal zu besiegeln. „Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn ich Sie auch zu einer kleinen Stärkung überreden könnte. Ich bitte Sie garantiert um diesen letzten Gefallen für heute.“

Clara saß wie erstarrt. Die pure, manipulierende Eleganz, mit der er ihr die Scham nahm, indem er den profanen Hunger zu seinem persönlichen Problem machte, überrumpelte sie völlig. Genau in diesem Moment gab ihr leerer Magen ein leises, aber gnadenlos verräterisches Knurren von sich.

Sie sah in das makellose, unergründliche Gesicht von Jack Thornton, dann hinab auf die blütenweiße Tischdecke. Langsam, ganz langsam, als würde sie einen Pakt unterzeichnen, nickte sie.

„Gerne.“

Der Geschmack von Feigen und Butter

Als die Kellnerin die schweren Teller auf dem kleinen Tisch abstellte, stieg eine heiße Wolke aus gebratener Butter, frischen Eiern und süßer Frucht in die kühle Morgenluft auf. Claras Kehle zog sich schmerzhaft zusammen. Sie schluckte schwer, kämpfte gegen den animalischen Drang an.

Jack lehnte sich in seinem Stuhl zurück, kreuzte die Beine und machte eine kleine, einladende Handbewegung. Eine stumme, gönnerhafte Aufforderung.

Clara griff nach dem schweren Silberbesteck. Es kostete sie beinahe unmenschliche körperliche Anstrengung, nicht wie eine Verhungernde über den Teller herzufallen. Sie zwang sich eisern, langsam zu kauen, doch ihre Bissen waren schlichtweg zu groß – der leere Magen forderte unerbittlich sein Recht ein. Das weiche, perfekt gewürzte Omelett, das ofenwarme Croissant mit der dicken Schicht Butter und der herrlich süßen Feigenmarmelade verschwanden in rasantem Tempo. Dazu spülte sie alles mit einem großen Schluck eisgekühltem, frisch gepresstem Orangensaft hinunter.

Erst als ihr Teller restlos leergekratzt war, lehnte sie sich mit einem leisen, unbewussten Seufzen der Erlösung zurück. Die dringend benötigte Wärme breitete sich endlich in ihrer Brust aus.

Doch dann fiel ihr Blick auf die andere Seite des Tisches, und ihr Herz machte einen unruhigen Aussetzer. Jacks Omelett lag unberührt auf dem weißen Porzellan. Sein Croissant war nicht einmal angeschnitten worden.

„Sie haben scheinbar doch keinen Appetit“, stellte sie fest, und ein Hauch von schlechtem Gewissen, gemischt mit plötzlichem Argwohn, mischte sich in ihre Stimme.

Jack lächelte. Es war ein ruhiges, entspanntes Lächeln, das jedoch seine Augen nicht erreichte. „Wie es aussieht, hat der bloße Geruch vorhin meine Sinne getäuscht. Mein Appetit saß eher in den Augen als im Magen.“ Er schob seinen vollen Teller langsam und berechnend über das weiße Tischtuch genau in ihre Richtung. „Aber bitte. Ich habe nichts davon angerührt. Nehmen Sie meine Portion. Es wäre eine absolute Schande, wenn dieses hervorragende Essen in der Küche achtlos weggeworfen wird.“

Clara erstarrte innerlich. Den Teller eines wildfremden Mannes leeren? Das verbot ihr letzter Rest Stolz. Es war unschicklich, zutiefst peinlich, geradezu gierig.

Doch dann glitt ihr wachsamer Blick unauffällig über die Terrasse. Die Tische in ihrer unmittelbaren Nähe waren komplett leer. Niemand beachtete sie. Für wen halte ich mich eigentlich zurück?, dachte sie bitter. Ihr ausgehungerter Magen hatte die erste Portion aufgesaugt wie ein trockener Schwamm in der Wüste. Und diesen großzügigen Fremden im teuren Mantel würde sie nach diesem entwürdigenden Morgen ohnehin nie wiedersehen.

„Na gut“, murmelte Clara leise, mehr zu sich selbst. „Wäre wirklich schade drum.“

Dieses Mal aß sie deutlich langsamer. Der erste, rasende und schmerzhafte Hunger war gestillt. Jack legte die Fingerspitzen aneinander und beobachtete sie mit stiller Faszination. Er sah zu, wie sie das zweite Croissant behutsam in der Mitte teilte, die Butter glatt strich und einen großzügigen Löffel Feigenmarmelade darauf verteilte. Als sie hineinbiss, schloss sie für einen kurzen Moment genüsslich die Augen. Ein Bild purer, unverfälschter Dankbarkeit. Für Jack, dessen Leben vorrangig aus kühlen Transaktionen bestand, hatte dieser Anblick etwas Seltenes: eine Frau, die selbst ganz am Boden noch ihre Haltung und ihre Würde bewahrte. Diese stille, zähe Disziplin fand er auf eine ganz praktische, beinahe berufliche Weise bemerkenswert.

Gesprochen wurde nicht. Clara war viel zu sehr mit dem Essen beschäftigt, und Jack genoss einfach den stillen, zufriedenen Moment, den er da geschaffen hatte.

Als Clara den allerletzten Bissen hinunterschluckte, hob Jack nur minimal den Zeigefinger. Eine sehr junge Kellnerin – offensichtlich neu im Service und unsicher – eilte sofort an den Tisch und begann eifrig, die leeren Teller abzuräumen.

„Waren Sie zufrieden?“, fragte das Mädchen freundlich, fast ein wenig zu laut, und nestelte nervös an ihrem Kellnerblock. „Hat es dem Herrn und seiner Gattin geschmeckt?“

Neugierig, wie es weitergeht?

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