Leseprobe
Jack & Clara · Band 4
Im Schatten des Sturms
Prolog
Seit Stunden fuhren sie durch das Gewitter. Der Regen schlug in Böen gegen die Windschutzscheibe, schneller, als die Wischer ihn fortwischen konnten, und jeder Blitz riss für einen Lidschlag die schwarze toskanische Landschaft aus der Nacht – nasse Zypressen, die sich im Wind bogen, die Leitplanke, der Abgrund dahinter. Viktor umklammerte das Lenkrad, die Knöchel weiß.
Neben ihm saß Nadja, beide Hände um ihren runden Bauch gelegt, als könne sie das Kind darin mit bloßer Wärme beschützen. Wo Viktor sich verkrampfte, blieb sie ruhig. „Fahr langsamer“, sagte sie nur, und ihre Stimme zitterte nicht. Es war diese Ruhe, die ihn vor Jahren an ihr gefesselt hatte – das Mädchen aus der Fabriksiedlung, das sich von niemandem einschüchtern ließ, nicht von den reichen Töchtern in der Schule und nicht von seinem Vater.
„Eine Fabrikarbeiterin? Was sollen die Leute denken!“, hatte der alte Industrielle gebrüllt, als Viktor ihm von seinen Heiratsplänen erzählte. Doch Viktor war geblieben, wo sein Herz war. Heute, an ihrem ersten Tag als Eheleute, waren sie durch die sanften Hügel der Toskana gefahren, hatten bei Kerzenlicht gegessen und lachend über Namen für das Kind gestritten. Davon war nun nichts mehr übrig. Nur der Regen, die Dunkelheit und die Straße, die sich vor ihnen wand wie ein nasses Band.
Die Scheinwerfer kamen aus dem Nichts. Grell, viel zu nah, auf der falschen Straßenseite – ein zweiter Wagen, der mit überhöhtem Tempo durch die Kurve gerast und auf dem nassen Asphalt völlig außer Kontrolle geraten war. Er schleuderte quer über die Fahrbahn, direkt auf sie zu. Viktor riss das Lenkrad herum. Es war zu spät.
Der Aufprall zerriss die Welt. Glas barst, Metall kreischte, etwas schlug Viktor gegen die Stirn – und dann war da nur noch das Dröhnen des Regens auf zerbeultem Blech. Neben ihm stöhnte Nadja. Er tastete nach ihrer Hand. „Ich hol Hilfe“, brachte er hervor, doch sie hielt ihn fest. „Geh nicht zu nah an den Motor“, flüsterte sie, Tränen auf dem Gesicht. „Es könnte brennen.“
Er ließ sie nicht los. Mit bloßen Händen kämpfte er gegen den verklemmten Gurt, gegen die verzogene Tür, bis er sie endlich aus dem Wrack ziehen und in sicherem Abstand auf die nasse Wiese betten konnte. „Bleib hier“, keuchte er und strich ihr über die Wange. „Rühr dich nicht.“
Da hörte er das Schreien. Es kam aus dem anderen Wagen, hoch und gellend, und ließ ihn herumfahren. Was er im Schein der noch brennenden Scheinwerfer sah, ließ ihn erstarren: hinter dem zertrümmerten Steuer eine junge Frau, blass, das Gesicht blutüberströmt – und auch ihr Bauch war rund und schwer. In der Faust hielt sie eine dünne Kette mit einem Medaillon umklammert, als hinge ihr Leben daran.
Viktor zerrte an der verkeilten Tür, bis ihm die Finger bluteten. „Bleiben Sie wach!“, rief er, und seine Stimme brach. Dann hielten Scheinwerfer am Straßenrand, Türen schlugen, fremde Hände griffen zu. Gemeinsam gelang es ihnen, beide Frauen aus den Wracks zu befreien.
Im Regen, der nicht nachließ, sank Viktor auf die Knie. Der Schlamm sog sich durch seine Hose, das Blut lief ihm warm über die Augenbraue. Er wischte es nicht weg. Sein Blick galt allein Nadja, die man bereits auf eine Trage gehoben hatte.
In der abgelegenen toskanischen Provinz gab es nur eine kleine Klinik, die kaum für komplexe Notfälle ausgestattet war. Die Klinik, Ospedale San Giacomo, wurde oft von den Anwohnern genutzt, doch sie war stark unterbesetzt. Aufgrund des Unwetters war der Strom in weiten Teilen der Gegend ausgefallen, und die Notstromversorgung reichte gerade aus, um die wichtigsten Geräte zu betreiben. Als Verstärkung wurde Schwester Maria, eine erfahrene Nonne aus dem nahegelegenen Kloster Santa Chiara, gerufen, um in der Notaufnahme zu helfen. Ihre Präsenz brachte etwas Ruhe in das Chaos, obwohl sie selbst eher medizinische Grundkenntnisse als spezifische Fähigkeiten besaß.
Die Rettungswagen trafen fast gleichzeitig ein. In einem lag Nadja, bewusstlos und stark blutend. Neben ihr saß Viktor, der selbst schwer verletzt war. Sein rechter Arm war gebrochen, und eine Platzwunde an der Stirn ließ Blut über sein Gesicht laufen, doch er wich nicht von ihrer Seite. Der Notarzt, Dr. Enrico Bianchi, ein junger Mediziner Mitte 30, war sichtbar nervös. „Sie auch“, sagte er und griff nach Viktors gebrochenem Arm. Viktor riss ihn weg. „Erst sie.“ Schließlich erlaubte man ihm, im selben Krankenwagen zu fahren, um ihn später in einen separaten Behandlungsraum zu bringen.
Im Krankenhaus herrschte ein beklemmendes Durcheinander. Die Flure waren schwach beleuchtet, flackernde Notlampen warfen unheimliche Schatten an die Wände. Pflegekräfte wie Paolo, ein überarbeiteter Krankenpfleger, und Chiara, eine junge Stationsschwester, eilten hektisch durch die Gänge. Viktor wurde, kaum angekommen, ohne große Erklärung von Nadja weggezerrt. „Ich muss bei ihr bleiben!“, rief er und stemmte sich gegen die Hände, die ihn fortzogen, doch Chiara schüttelte den Kopf. „Wir tun, was wir können“, sagte sie knapp und brachte ihn in einen anderen Raum, wo er notdürftig behandelt wurde.
Unterdessen wurde Nadja in den einzigen freien Operationssaal gebracht – zusammen mit der anderen Schwerverletzten aus dem Unfall, der blassen, hochschwangeren Frau, die immer noch ihre zarte Kette mit dem Medaillon umklammert hielt. Das Personal hatte keine andere Wahl, als beide auf benachbarten OP-Tischen abzulegen, da die Kapazitäten der Klinik völlig erschöpft waren.
Dr. Enrico Bianchi, der erst seit wenigen Monaten im San Giacomo arbeitete, spürte den Druck. Beide Frauen waren hochschwanger, beide in einem kritischen Zustand, und beide verloren schnell Blut. Neben ihm standen Schwester Maria und Chiara, die fieberhaft versuchten, die notwendigen Utensilien zu organisieren.
„Was machen wir zuerst?“, fragte Chiara. Das Klemmbrett in ihrer Hand klapperte gegen die Tischkante. Dr. Enrico blickte zwischen den beiden Patientinnen hin und her und sagte nichts. Nadja, die Frau auf dem ersten Tisch, verlor erschreckend viel Blut. Ihr Körper schien nicht auf die schnellen Notmaßnahmen anzuspringen, und jede Minute zählte. Doch auch die andere Frau war in Lebensgefahr – und das Baby in ihrem Bauch zeigte keinerlei Lebenszeichen mehr.
„Wir müssen das Baby zuerst retten“, drängte Chiara, während Schwester Maria ruhig, aber bestimmt sagte: „Wir haben kaum noch Zeit. Entscheiden Sie sich, Doktor.“
Enrico wählte die zweite Patientin aus und begann den Kaiserschnitt. Es war eine kritische Prozedur, ausgeführt unter enormem Stress und mit minimaler Ausstattung. Nach bangen Minuten gelang es, das Baby zu befreien. Doch der winzige Körper blieb reglos, trotz der Bemühungen des Teams, es zu reanimieren. Auch die Mutter überlebte den Eingriff nicht – die Verletzungen und der massive Blutverlust waren zu schwerwiegend. Schwester Maria machte das Kreuzzeichen über die Verstorbenen, bevor sie dem Arzt half, sich wieder Nadja zuzuwenden.
Nadjas Zustand war nicht besser. Enrico, der mittlerweile Schweißperlen auf der Stirn hatte, arbeitete fieberhaft daran, ihre Blutung zu stoppen. „Sie stabilisiert sich“, rief er und ließ für einen Moment die Schultern sinken, als endlich die ersten Zeichen von Besserung sichtbar wurden. Nadjas Puls wurde stärker, und obwohl sie weiterhin bewusstlos war, schien ihr Leben vorerst gerettet.
Draußen auf dem Flur saß Viktor, völlig außer sich, während Paolo seine Wunden verband. „Wie geht es ihr?“, fragte er immer wieder, doch niemand hatte Zeit, ihm eine klare Antwort zu geben. Als Chiara schließlich herauskam und ihm sagte, dass Nadja stabil war, fiel sein Kopf nach vorn, und ihm entwich ein langer, zittriger Atem. Doch ihre nächsten Worte ließen ihn erstarren: „Die andere Frau… und ihr Baby… wir konnten sie nicht retten.“
In dieser Nacht hatte das kleine Provinzkrankenhaus mehr erlebt, als es bewältigen konnte. Das Chaos und die Tragödie des Unfalls würden allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben.
In der Eile, dem Flackern der Lampen und der allgemeinen Überforderung passierte schließlich der folgenschwere Fehler: Die Identitäten der beiden Neugeborenen wurden verwechselt. Das lebende Baby wurde zur Seite gelegt, während Chiara, die junge Stationsschwester, schwankend versuchte, die notwendigen Daten zu notieren. Ihre Hände zitterten, und sie warf immer wieder unsichere Blicke auf Dr. Enrico Bianchi, der verzweifelt versuchte, die OP zu Ende zu bringen. Doch niemand nahm wirklich die Namen der Frauen oder des Babys auf – der Notfall war zu groß, die Zeit zu knapp.
Als Dr. Bianchi nach beinahe zwei endlos wirkenden Stunden aus dem OP kam, war er völlig erschöpft. Der Schweiß glänzte auf seiner Stirn, und sein Kittel war blutbefleckt. Er sah Schwester Maria, die ihm stumm entgegenblickte. Ihre Augen weiteten sich, als er ihr mit tonloser Stimme erklärte, was geschehen war.
„Die eine Frau konnte ich retten“, keuchte er. „Aber das Kind …“ Er zögerte kurz, fuhr dann stockend fort: „Nein, ich meine: Das Kind dieser Patientin ist am Leben. Doch bei der anderen Frau – Mutter und Kind sind … tot.“
Er strich sich mit zitternder Hand über die Stirn und atmete schwer. „Ich muss es ihrem Ehemann sagen, aber … schaffen Sie das bitte? Ich … ich weiß gar nicht, wie ich ihm erklären soll, dass sie wohl nie wieder ein Kind bekommen kann. Ihr Unterleib war so schwer verletzt.“ Während der OP hatte er Nadja operativ versorgt und befürchtete bleibende Schäden, die ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen könnten.
Schwester Maria, die erfahrene Nonne aus dem Kloster Santa Chiara, nickte. Auch sie wirkte mitgenommen von diesem schrecklichen Ausgang. Wortlos machte sie sich auf den Weg in den Vorraum, wo Viktor, nur notdürftig verbunden und blutverschmiert, auf einer Bank saß. Neben ihm stand ein Polizist, Kommissar Vittorio Rossi, ein älterer Mann mit schütterem Haar und einem mitfühlenden Blick, der darauf spezialisiert war, den Menschen in schwierigen Momenten Beistand zu leisten. Neben ihm stand Pater Angelo, ein junger Priester aus der örtlichen Gemeinde, der durch seine ruhige und tröstende Art bekannt war. Beide versuchten, Viktor ein wenig zu beruhigen.
„Lebt meine Frau?“, stammelte Viktor, sobald er Schwester Maria erblickte. Er war schon halb von der Bank aufgestanden, die verbundenen Hände an die Brust gepresst, und sah sie an, ohne zu blinzeln.
Schwester Maria senkte den Blick. „Ja, deine Frau lebt“, sagte sie leise und legte kurz eine Hand auf seinen Arm. „Aber … es tut mir unendlich leid. Euer Baby hat es nicht geschafft.“
Ein leises Schluchzen entkam Viktor. Er starrte sie an, die Fäuste in den Verbänden geballt, bis das frische Blut durch den Mull drang. Sein Kind. Der Wunsch von Jahren. Die Nachricht, dass er vielleicht nie wieder Vater werden könnte, behielt Schwester Maria vorerst für sich – es war schon Schmerz genug.
Kommissar Rossi trat einen Schritt näher und legte eine Hand auf Viktor’ Schulter. „Herr Viktor“, sagte er mit leiser Stimme. „Ich weiß, dass das jetzt schwer zu fassen ist, aber wir sind hier, um Ihnen zu helfen. Bitte ruhen Sie sich ein wenig aus. Wir kümmern uns um alles Weitere.“
Auch Pater Angelo bemühte sich, beruhigend auf Viktor einzureden. „Ich bin hier, falls Sie mit jemandem sprechen möchten. Es ist wichtig, jetzt nicht allein zu sein.“ Seine Worte waren sanft, doch Viktor schien sie kaum wahrzunehmen. Seine Gedanken kreisten nur um Nadja und das Baby, das sie verloren hatten.
Die Polizei und der Pfarrer versuchten weiterhin, Viktor zu beruhigen und zu versorgen. Schließlich sank er in einen Stuhl, das Gesicht in den Händen vergraben. Seine Schultern bebten lautlos. Niemand sagte mehr etwas.
In der Zwischenzeit blieb der folgenschwere Fehler unbemerkt. Das überlebende Baby, das eigentlich Nadja und Viktor gehörte, wurde in der allgemeinen Verwirrung der anderen Frau zugeordnet. Ein Irrtum, der nicht nur die Familie, sondern auch die Zukunft aller Beteiligten für immer verändern sollte.
Währenddessen ging Schwester Maria zurück in den Operationssaal. Dr. Enrico Bianchi stand regungslos vor der anderen reglosen Frau, die sie trotz aller Bemühungen nicht hatten retten können. In seinen Händen hielt er mit Tränen in den Augen ein winziges, leb- und regloses Bündel – das tote Baby. Er schien von der Last des Augenblicks überwältigt, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Als Schwester Maria leise hinter ihm stand, drehte er sich langsam um und reichte ihr ohne ein Wort das kleine Wesen.
Neugierig, wie es weitergeht?
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