Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 10

Im Auge des Stiers

Kapitel 1

Um drei Uhr nachts, in der klimatisierten, summenden Stille eines verwaisten Labors der Technischen Universität Wien, starrte Jack Hofer auf den Tod seines Lebenswerks.

Es war mitten in den Sommerferien. Die Gänge der Fakultät für Physik waren dunkel und menschenleer, die Vorlesungssäle verriegelt. Nur dieses eine Labor im hintersten Trakt leuchtete noch. Jack war hier nur Assistent, aber sein bester Freund, ein junger Dozent, hatte ihm für die vorlesungsfreie Zeit heimlich den Generalschlüssel überlassen. Es war die perfekte, ungestörte Zuflucht.

Vor ihm auf dem sterilen, weißen Labortisch stand der Prototyp. Es war ein chaotisches Kunstwerk aus oxidierten Kupferrohren, freiliegenden Platinen und einem supraleitenden Toroid, der provisorisch mit hitzebeständigem Kapton-Klebeband umwickelt war. Alles war exakt nach seinen Berechnungen der N-Theorie gebaut. Er hatte das Holonomie-Spektrum gelöst, er hatte die mathematischen Adressen im unendlichen Netzwerk der dimensionalen Ebenen berechnet und bis in die fünfte Nachkommastelle in reiner NMatik verifiziert. Er wusste, wo die Nachbarebene lag – nicht als Entfernung, sondern als topologische Koordinate. Aber die Maschine war tot. Sie summte nicht, sie vibrierte nicht. Sie war nur ein Haufen teuren Schrotts.

Jack blätterte durch sein zerlesenes, mit Kaffeeflecken übersätes Notizbuch. Das Grafit seines Bleistifts kratzte über das Papier, während er Seite um Seite mit Gleichungen füllte, sie wütend wieder durchstrich, bis das Papier riss, und leise in die Stille fluchte. Das Problem war die verdammte Energie. Um das vierdimensionale Blatt der Realität – die Bran – aufzubiegen und auch nur ein Staubkorn in den Zwischenraum des Bulks schlüpfen zu lassen, forderte seine Formel einen Energiebedarf, der irgendwo zwischen einem laufenden Kernkraftwerk und dem Kollaps einer sterbenden Sonne lag. Er hingegen hatte nur die hochgesicherten Starkstromanschlüsse des Uni-Labors und einen hastig zusammengelöteten Kondensatorblock.

Es war schlichtweg unmöglich. Man brauchte die rohe, unbändige Kraft eines Schwarzen Lochs, um die massiven Seiten der Wirklichkeit zu durchschlagen.

Frustriert, mit brennenden Augen und einem Magen, der sich bedrohlich krampfend zu Wort meldete, schleuderte Jack den schweren Schraubenschlüssel klirrend gegen das Whiteboard. Er rieb sich das fettige Haar aus der Stirn, klemmte sich sein Notizbuch unter den Arm und stolperte durch die leeren, hallenden Korridore der TU hinaus in den späten Nachmittag, um sich am Resselpark am Karlsplatz wenigstens einen billigen Hotdog reinzuzwängen.

* * *

Zur selben Zeit, nur ein paar Straßen weiter vor einer eleganten Fassade, gehörte die Welt den Followern.

Es gab einen ganz bestimmten Bürgersteig, vor dem die Nachmittagssonne das Licht genau in jenem goldenen Winkel brach, dass Claras Haut aussah wie ein makelloses Werbeversprechen. Das Rauschen des Wiener Stadtverkehrs wurde zur bedeutungslosen Kulisse. Ihre beste Freundin Mia tänzelte mit dem Gimbal in der Hand um sie herum, das rote Lämpchen der Kamera brannte, und irgendwo hinter dieser winzigen Linse tickten die Zuschauerzahlen im Sekundentakt nach oben.

„Noch mal von links“, rief Mia begeistert und ging leicht in die Hocke. „Der Stoff fällt perfekt! Du bist heute unfassbar, Clara!“

Clara warf das Haar über die Schulter und lächelte für die Kamera – dieses weiche, perfekt einstudierte Lächeln. Das neue, teure Seidenkleid, unschuldig weiß und sündhaft teuer, schwang bei jeder ihrer Bewegungen genau richtig mit. Für einen kurzen, ehrlichen Moment genoss sie den Rausch der Aufmerksamkeit, fühlte sich tatsächlich unantastbar und unbesiegbar.

Und in exakt diesem Moment rammte ihr ein Mann mit voller Wucht seine Schulter in die Seite.

Es war kein sanftes Anrempeln. Jack, der mechanisch auf seinem Hotdog kaute und dabei den Blick wie in Trance starr auf sein aufgeklapptes Notizbuch gerichtet hatte, sah das weiße Kleid nicht einmal kommen. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen.

Wie in Zeitlupe sah Clara, wie der Senf einen eleganten, leuchtend gelben Bogen durch die Luft beschrieb und quer über ihrer Brust auf der weißen Seide landete. Sekundenbruchteile später folgte die Wurst selbst, zog eine fettige Spur über den Stoff, rutschte ab und klatschte irgendwo zwischen ihren Designer-Heels auf den Asphalt.

„Oh – Entschuldigung.“ Der Mann sah sie an, aber er schien sie nicht wirklich zu fokussieren. Seine Augen waren trüb, gerötet, halb bei ihr und halb bei der unlösbaren Formel in seinem Kopf. Sein Haar war zerzaust, dunkle, violette Ringe lagen wie Schatten unter seinen Augen. „Tut mir leid, ich war in Gedanken, ich –“

Clara sah langsam an sich herab. Der grelle, gelb-rote Fleck, in den sich das Fett bereits tief hineinfräste, war ein glatter Totalschaden. Dann riss sie den Kopf hoch und starrte in das völlig abwesende Gesicht dieses Idioten, der nicht einmal ansatzweise zu begreifen schien, was er da gerade zerstört hatte. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass das rote Aufnahmelämpchen an Mias Handy unerbittlich weiterblinkte. Live. Vor hunderttausend Zuschauern, die gerade zusahen, wie ihre Ästhetik ruiniert wurde.

Zorn flammte in ihr auf, heiß, rein und unkontrolliert.

Ohne einen Gedanken an ihr Image zu verschwenden, bückte sie sich, packte das vor warmem Fett triefende Brötchen mitsamt der Wurst vom Boden – und schmierte es dem Mann mit einer harten, wischenden Bewegung mitten ins Gesicht.

Ein Aufschrei ging durch die wenigen Passanten, halb entsetzt, halb voyeuristisch begeistert. Mia keuchte, hielt die Kamera aber eisern voll drauf.

Doch Clara war noch lange nicht fertig. Als der Mann perplex und geblendet zurückstolperte, riss sie ihm das ledergebundene Notizbuch aus der Hand. Mit einem Ausdruck tiefsten Ekels klappte sie das Buch demonstrativ zu und wischte sich den restlichen, klebrigen Senf von ihren Fingern an dessen geschlossenem Schnitt ab, ehe sie es ihm hart vor die Füße warf.

Senf im Auge, Ketchup an der Wange, stand der Mann einfach nur da. Er hob wortlos, fast mechanisch sein ruiniertes Buch vom Boden auf und sah sie an. Kein Zorn. Kein Gegenschlag. Nur eine stille, tiefe Erschütterung, als hätte sie soeben ein Kind vor seinen Augen getreten. Dann drehte er sich um und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, mit hängenden Schultern davon.

* * *

Zurück im verwaisten Universitätslabor warf Jack das beschmutzte Buch achtlos auf seinen Schreibtisch. Er ließ sich auf den harten Bürostuhl fallen und starrte an die abgehängte Rasterdecke. Er war zu wütend, um die tote Maschine auch nur anzusehen, und zu erschöpft, um zu fluchen.

Eine oberflächliche, aufgeblasene Influencerin. Ein tanzendes, narzisstisches Nichts, das sein Lebenswerk, seine jahrelange Arbeit mit Fast Food und Arroganz ruiniert hatte. Er hasste sie. Er hasste die Formel. Er hasste die Physik, die ihm den Zugang verweigerte. Mit diesem harten Knoten aus Zorn im Bauch legte er den Kopf auf die verschränkten Arme und glitt in einen unruhigen, von Gleichungen durchzogenen Schlaf direkt am Labortisch.

Als er Stunden später blinzelnd erwachte, war das Labor in das künstliche, kalte Licht der Notbeleuchtung getaucht. Sein Magen brannte wie Feuer, die Haut in seinem Gesicht spannte unangenehm von dem eingetrockneten Ketchup, und die Verzweiflung der gescheiterten Berechnungen legte sich sofort wieder zentnerschwer auf seine Brust.

Schwerfällig richtete er sich auf. Im fahlen Licht lag sein Notizbuch.

Er beugte sich vor, bereit, den endgültigen Verlust zu akzeptieren und zu sehen, wie viel seiner monatelangen Arbeit diese Furie unwiederbringlich zerstört hatte. Doch als sein Blick auf das geschlossene Buch fiel, hielt er plötzlich inne. Sein Gehirn, das eben noch unter der Last der Erschöpfung schlief, sprang mit einem harten, elektrischen Ruck an.

Sie hatte das Buch im geschlossenen Zustand beschmiert. Der klebrige Senf und das Fett klebten nicht in der Mitte der Seiten. Sie konzentrierten sich ausschließlich am äußeren Rand. Die Kapillarwirkung der Feuchtigkeit in der Soße hatte das dichte, gepresste Papier genau dort, an den äußersten Kanten, leicht aufquellen lassen. Die Ränder wellten sich und hoben sich ganz von allein Millimeter für Millimeter voneinander ab. Das Innere des Buches blieb völlig unangetastet, fest und massiv übereinandergepresst – aber die Ecken… die Ecken standen plötzlich offen, sanft voneinander getrennt durch ein winziges bisschen Feuchtigkeit.

Jack hörte auf zu atmen.

Mein Gott, dachte er, und die Erkenntnis schlug in ihm ein wie ein physischer Schlag.

Er riss einen frischen Stift an sich. Eine Dimension ist eine Achse, eine Ebene ist ein Blatt. Er hatte die verdammte ganze Zeit versucht, die dimensionale Ebene der Realität frontal zu durchschlagen! Er hatte mathematisch versucht, durch das Zentrum der massiven Brane zu bohren – dorthin, wo der Warp-Faktor und die lokale Energiedichte ins Unermessliche stiegen. Dort brauchte man unweigerlich Sternenenergie.

Aber was, wenn er es so machte wie der Senf an den Buchseiten? Was, wenn er die Ebene der Realität gar nicht gewaltsam durchschlagen, sondern sie nur an der äußersten topologischen Kante anheben musste?

Seine Hand flog fieberhaft über das Papier, kratzte neue Graphen und die Wheeler-DeWitt-Gleichung auf einen sauberen Block. Der Widerstand am Rand – die Kanten-Bedingung – konvergierte nicht gegen Unendlich. Er fiel rapide ab. Er näherte sich beinahe der Null! Man brauchte keine sterbende Sonne, um die Ebenen voneinander zu trennen. Man brauchte nur eine Handvoll gut geschalteter Kondensatoren, die das Toroidfeld genau am richtigen Rand der Raumkrümmung ansetzten. Man konnte mit fast keiner Energie einfach eine Falte werfen und unter die nächste Dimension schlüpfen.

Jack starrte auf das senfverschmierte Buch, stieß ein heiseres, fast fassungsloses Lachen aus und drehte sich langsam zu seiner toten Maschine um.

Er brauchte keine neue Stromquelle. Er musste nur den Fokus des Magnetfeldes verschieben. Und morgen Nacht würde er Dinge verschwinden lassen.

* * *

Vierundzwanzig Stunden später.

Ein kurzer, greller weißer Plasmablitz, so hell, dass er Schatten in den harten Boden des Labors brannte, fraß die spärliche Beleuchtung auf.

Was im Bruchteil einer Sekunde folgte, war das ohrenbetäubende Krachen von berstendem Metall und schmelzendem Kunststoff. Ein plötzlicher, peitschender Windstoß riss Jack die Haare zurück, schleuderte Vorlesungsskripte durch den Raum und ließ Kaffeetassen scheppernd zu Boden fallen. Es war der Moment, in dem die Realität gewaltsam einen Schluck fremder Luft ausatmete.

Dann war es still. Nur das feine Knistern und Prasseln von brennendem Plastik durchbrach die gespenstische Ruhe. Der penetrante Geruch von Ozon und verschmortem Kupfer verdrängte die klimatisierte Luft – der Geruch von Luft, die für einen Augenblick nicht mehr ganz zu ihrer Ebene gehört hatte.

Unter der runden Plattform zischte nicht nur die Steuerung – der gesamte Prototyp hatte sich in einem gewalttätigen Funkenregen buchstäblich selbst in Stücke gerissen. Die teuren supraleitenden Spulen waren zu schwarzen, rauchenden Klumpen verschmolzen. Die massiven Kupferrohre hatten sich unter der schieren kinetischen Wucht des Rückschlags in sich verdreht, und die Platinen flossen wie heißes Wachs langsam über den Labortisch.

Jack blinzelte die grellen Nachbilder des Blitzes aus den Augen, aber er zuckte nicht einmal zusammen. Ruhig wischte er sich den feinen, schwarzen Ruß von der Stirn. Er betete nur stumm, dass die Rauchmelder der TU träge genug waren, um ihm noch ein paar Minuten zu geben.

Er hatte genau das erwartet. Es war der unausweichliche Preis für das Telemetrieren. Die Kanten-Bedingung verbrauchte zwar kaum Energie, um die Dimension anzuheben – aber wenn man etwas hindurchschob, schnappte das Raum-Zeit-Gefüge im selben Moment wie ein gigantisches, kosmisches Gummiband gnadenlos zurück. Diese unbändige elastische Wucht entlud sich immer direkt am Ankerpunkt des Feldes. Die Maschine zerstörte sich unweigerlich selbst.

Das wusste er. Das war die reine, kalte und unbestechliche Physik. Es spielte keine Rolle.

Sein Blick glitt über die qualmenden, zerstörten Trümmer hinüber zur runden Plattform. Sie war völlig leer. Er hatte vor dem Versuch peinlichst genau darauf geachtet, dass kein einziges Blatt über den Rand der supraleitenden Spule hinausragte. Die Kante schnitt gnadenlos.

Langsam, mit zitternden Knien, die das Gewicht seines Körpers kaum noch tragen konnten, und wild klopfendem Herzen, drehte er den Kopf nach rechts.

Dort, exakt einen Meter neben den brennenden Überresten der Maschine, stand der kleine Ficus unversehrt auf den hellen Bodenfliesen des Labors. Es war kein Beamen gewesen, kein Zerlegen in Informationen. Die Pflanze war als physisches Objekt verschoben worden und von ihrer neuen Adresse wieder zurückgeschnappt. Die Blätter waren minimal warm. Die trockene Erde im Topf roch leicht nach einem fernen Gewitter.

Neugierig, wie es weitergeht?

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