Leseprobe · 18+
Jack & Clara · Band 13
Die Nazi-Braut
Kapitel 1 – Der letzte Sommer
München, Juli 1932
Jack Müller rannte. Seine Schwester war hinter ihm, dicht genug, dass er ihr Keuchen hören konnte, aber nicht dicht genug, um ihn zu erwischen.
„Jack!“
Er lachte und wurde schneller. Das Gras reichte ihm stellenweise fast bis an die Knie, die Sonne brannte auf seinen Kopf, sein Hemd klebte am Rücken, und unter den Bäumen flimmerte das Licht zwischen den Blättern. Vor ihm lag der Kleinhesseloher See; zwischen den Stämmen konnte er schon das Wasser sehen.
„Du darfst nicht zum See!“ Seine Schwester klang schon außer Atem.
Jack drehte sich im Laufen nach ihr um. „Wer sagt das?“
„Mama!“
„Mama ist da hinten.“
„Sie sieht dich!“
Jack sah über die Schulter. Die beiden Familien hatten sich im Schatten einiger großer Bäume ausgebreitet. Zwei Decken lagen nebeneinander, so dicht, dass längst keiner mehr wusste, welche den Müllers und welche den Schreiners gehörte. Körbe standen offen im Gras, Flaschen kühlten in einem Eimer, die Großeltern saßen auf Klappstühlen, und die Frauen hatten ihre Hüte abgelegt. Die Männer standen wie immer ein Stück abseits und redeten. Wie immer.
Jack sah seine Mutter, und sie sah tatsächlich zu ihm. Also schlug er einen Haken.
„Feigling!“, rief seine Schwester.
„Selber!“
Er rannte zurück, diesmal quer über die Wiese. Seine Schwester versuchte ihm den Weg abzuschneiden, aber Jack wich nach rechts aus, dann nach links.
„Du kriegst mich nie!“
„Warte!“
„Zu langsam!“
Jack sah sie an, und das war sein Fehler. Er sah nicht, was vor ihm war.
Etwas Kleines stand plötzlich mitten auf seinem Weg. Jack konnte gerade noch abbremsen, aber nicht ganz. Sein Bein streifte das Kind, und Clara Schreiner verlor das Gleichgewicht und setzte sich unsanft ins Gras.
Für einen Augenblick geschah nichts.
Jack blieb stehen. Clara sah ihn an, und Jack sah Clara an. Ihre Augen waren riesig und blau. Dann zog sich ihr Gesicht zusammen, und Jack kannte diesen Ausdruck.
„Nein.“
Claras Unterlippe bebte.
„Nein, Clara.“
Sie holte tief Luft.
„Ich hab dich doch kaum—“
Clara schrie.
Jack verzog das Gesicht. Es war unglaublich, wie viel Lärm aus einem so kleinen Menschen kommen konnte.
„Jack!“
Seine Mutter. Natürlich.
„Ich hab nichts gemacht!“
Clara schrie noch lauter, und jetzt kamen alle, Claras Mutter zuerst, Jacks Mutter direkt dahinter.
„Was ist passiert?“
Jack zeigte auf Clara. „Sie ist umgefallen.“
Seine Schwester stemmte die Hände in die Hüften. „Du hast sie umgerannt.“
„Hab ich gar nicht.“
„Hab ich gesehen.“
„Ich hab sie nur ein bisschen berührt.“
Clara saß noch immer im Gras und brüllte.
„Sie tut ja, als hätte ich sie getreten.“
„Jack Müller.“
Seine Mutter sagte seinen ganzen Namen. Das war nie gut.
„Aber ich hab doch—“
„Genug.“
Sie hob Clara hoch, und das kleine Mädchen klammerte sich sofort an sie.
„Na komm. Ist ja gut.“
Clara drückte das Gesicht gegen ihre Schulter und schluchzte. Jack stand daneben und fand die Sache ausgesprochen ungerecht. Er hatte es nicht absichtlich gemacht, und außerdem war Clara einfach mitten im Weg gewesen.
„Sie hat sich nur erschrocken“, sagte Claras Mutter.
Jack zeigte auf sie. „Siehst du.“
„Das bedeutet nicht, dass du nicht aufpassen musst.“
„Aber—“
„Jack.“
Er schwieg und trat mit der Schuhspitze gegen einen Grasbüschel. Immer bekamen die Kleinen recht, nur weil sie schreien konnten.
Clara hob langsam den Kopf. Ihr Gesicht war rot, Tränen klebten an ihren Wimpern, und eine helle Haarsträhne lag quer über ihrer Stirn. Jacks Mutter nahm ein Taschentuch.
„Na, zeig dich mal.“
Clara wollte den Kopf wegdrehen.
„Stillhalten.“
Jack grinste. Wenigstens musste nicht nur er auf seine Mutter hören.
Dann sah Clara ihn an, und Jack hörte sofort auf zu grinsen.
„Was?“
Clara schniefte.
„Ich hab Entschuldigung gesagt“, sagte Jack.
„Hast du nicht“, sagte seine Schwester.
Jack funkelte sie an. „Jetzt sage ich es.“ Er sah Clara an. „Entschuldigung.“
Clara starrte ihn weiter an. Jack hob die Hände.
„Sie versteht mich doch gar nicht.“
Sein Vater, der inzwischen hinter den Frauen stand, lachte. „Das könnte ein Vorteil sein.“
Jack sah ihn empört an. Seine Mutter musste ebenfalls lächeln. Dann betrachtete sie Clara, richtig diesmal, und strich dem kleinen Mädchen die Haare aus der Stirn.
„Was für Augen.“
Claras Mutter nickte. „Die Schreiner-Augen.“
„Die hat sie von mir“, sagte Claras Großvater.
Seine Frau schnaubte. „Natürlich.“
„Ist doch wahr.“
Jacks Mutter lächelte Clara an. Die Kleine hatte inzwischen aufgehört zu weinen, nur ihre Nase war noch rot.
„Und dieses helle Haar.“ Sie strich noch einmal darüber. „Aus dir wird einmal ein wunderschönes Mädchen.“
Claras Großmutter nickte zufrieden. „Das sage ich schon seit ihrer Geburt.“
Jack verdrehte die Augen. Clara war ein Baby. Babys waren nicht schön. Babys waren klein, laut und meistens klebrig.
Claras Vater kam näher. „Ein wunderschönes Mädchen?“
„Ganz bestimmt“, sagte Jacks Mutter.
„Dann kann ich ja jetzt schon anfangen, mir Sorgen zu machen.“
Die Erwachsenen lachten, und Jack verstand nicht, was daran lustig war. Er sah zu seiner Schwester. Sie deutete unauffällig zur Wiese, Jack nickte, und langsam gingen sie rückwärts.
Sein Vater bemerkte es. „Wo wollt ihr hin?“
Jack blieb stehen. „Spielen.“
„Dann spielt.“
Jack grinste. Mehr brauchte er nicht. Er drehte sich um und rannte los, und Clara war vergessen, bevor er den nächsten Baum erreichte.
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