Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 5

Die Frau aus seinem Roman

Kapitel 1 – Der Star betritt die Bühne

„Zweiundzwanzig vierzig“, sagte der Fahrer.

Jack gab ihm einen Fünfziger.

Der Fahrer sah auf den Schein, dann in den Rückspiegel. „Sie sind doch der aus dem Fernsehen. Der mit den Büchern.“

„Heute nicht.“

„Doch. Meine Frau liest Sie im Bett. Dann schlaf ich auf dem Sofa.“

„Das tut mir leid.“

„Mir nicht. Am nächsten Morgen ist sie sehr gut gelaunt.“ Er hielt den Fünfziger hoch. „Sind Sie sicher?“

„Nein.“ Jack öffnete die Tür. „Deshalb schnell.“

„Soll ich warten?“

„Nein. Da komm ich nicht so schnell raus, wie ich reingeh.“

Er stieg aus und kniff die Augen zusammen. Lieferwagen mit offenen Hecktüren. Die Druckluftbremsen eines Busses. Ein Rollgitter, das jemand hochzog, Glied für Glied.

Jedes Geräusch ging ohne Umweg in seine rechte Schläfe. Er schob die Sonnenbrille tiefer ins Gesicht. Es half nicht.

Neun Uhr. Evelyn hatte ihn auf neun bestellt, weil elf für ihn zwei Stunden mehr an der Bar bedeutete.

Sieben Jahre älter als er. Seit vierzehn Jahren kannte sie seine Ausreden, und keine davon hatte sie zweimal geglaubt.

Neun Uhr war keine Schikane. Neun Uhr war Schadensbegrenzung. Er wusste das. Deshalb ärgerte es ihn.

Aus der Bäckerei gegenüber kam der Geruch von warmem Teig und Puderzucker, und sein Magen zog sich zusammen. Whisky. Champagner. Etwas Klebriges aus einem zu kleinen Glas. Licht auf nackten Schultern, dunkles Haar, und irgendwann das Display:

Neun Uhr. Und diesmal meine ich neun Uhr, Jack.

Er hatte im Club darüber gelacht und das Telefon in die Jackentasche gesteckt. Um sechs Uhr vierzig war eine zweite Nachricht gekommen, die er erst im Taxi gelesen hatte.

Und nimm ein Taxi. Du fährst nicht selbst.

Acht Uhr zweiundfünfzig. Er ging über die Straße.

In der Bäckerei stand eine Schlange aus Bauarbeitern und Frauen in Pflegekleidung. Jack stellte sich hinten an. Die Verkäuferin hatte Mehl am Unterarm und eine Stimme, mit der man einen Bus anhalten konnte.

„Der Nächste!“

„Einen Krapfen“, sagte Jack. „Mit Puderzucker. Viel.“

„Hier drin?“

„Zum Mitnehmen.“

Sie griff mit der Zange in die Auslage und wählte, ohne hinzusehen, den dicksten. „Für Sie?“

„Für jemanden, der ihn nicht isst.“

„Dann nehmen Sie den kleinen. Der ist billiger.“

„Den großen.“

Sie sah ihn an, dann auf die Sonnenbrille, dann auf den offenen Kragen. „Eins zwanzig. Und trinken Sie Wasser. Sie sehen aus wie mein Mann an Silvester.“

Er zahlte mit einem Zehner und ließ den Rest auf der Theke liegen. Die Tüte war warm, an einer Ecke schon weiß vom Zucker. Er klemmte sie unter den Arm und ging hinüber zum Verlag.

In der Lobby quietschten seine Sohlen auf frisch gewischtem Marmor. Der Portier stand hinter seinem Pult, die Mütze gerade, und sah auf die Uhr über dem Aufzug, dann auf Jack, dann wieder auf die Uhr.

„Herr Rowland. Acht Uhr achtundfünfzig.“

„Schreiben Sie’s auf.“

„Frau Klein hat gesagt, wenn Sie vor neun kommen, soll ich Sie nicht aufhalten.“

Der Portier drückte den Knopf für den Aufzug. Jack hob die Tüte zum Dank.

Im vierten Stock stieg eine Frau mit einem Postwagen zu.

Sie sah Jack an, sah auf seinen offenen Kragen, sah auf die Bäckertüte mit dem Puderzucker am Rand und dann auf die Anzeige.

Dort blieb sie, bis die Sechs kam. Beim Aussteigen schob sie den Wagen schneller, als nötig war.

Jack lehnte den Kopf an die Metallwand und sah in den Spiegel. Das Haar zerwühlt, der Bart fünf Tage alt, die Augen hinter den Gläsern klein.

Er fuhr sich einmal mit der Hand durchs Haar und machte es damit schlimmer. Er ließ es so. Der ramponierte Künstler verkaufte sich besser als der ausgeschlafene Schwiegersohn.

Siebter Stock. Neonlicht, Toner, kalter Kaffee.

Hinter dem Empfangstresen saß eine Frau, die hier jeder kannte und keiner ansah. Pferdeschwanz, straff gebunden.

Eine Brille, zu groß für das schmale Gesicht. Die Mappen auf ihrem Tisch nach Farben sortiert, rot, gelb, grün, blau, die Kanten bündig.

Auf dem Bildschirm eine Tabelle mit mehr Spalten, als ein Vorzimmer brauchte. Sie tippte, ohne aufzusehen.

Neun Jahre auf diesem Stuhl.

Dann sah sie auf.

Der Kugelschreiber blieb über dem Block stehen, eine Sekunde zu lang. Mehr passierte nicht.

Knapp über dem Kragen der Bluse färbte sich die Haut, ein roter Fleck, der langsam größer wurde. Er war einer der wenigen im Haus, die wussten, wo man hinsehen musste.

Den Termin hatte sie selbst eingetragen, vor zwölf Tagen, in ihrer runden Schrift. Seither hatte sie jeden Morgen den Kalender aufgeschlagen und zuerst diese Zeile gesucht.

Gefreut hatte sie sich. Bereuen würde sie es hinterher. Beides gleichzeitig, wie jedes Mal, wenn er im Kalender stand.

Jack ließ das Lächeln für die Kameras stecken und nahm das andere. Das, bei dem man ihm um drei Uhr nachts erzählte, was man sonst niemandem erzählte.

Er kannte den Namen. Er kannte den Tonfall, in dem sie ihn gleich sagen würde. Er nahm das Gesicht trotzdem, wie man ein Werkzeug nimmt, das sich bewährt hat.

„Morgen.“ Er blieb einen Schritt vor dem Tresen stehen. „Frau Steinbrecher.“

„Mister Rowland.“ Sie legte den Kugelschreiber hin. „Evelyn wartet schon. Sie hat zweimal angerufen.“

„Jack.“ Er legte die Sonnenbrille auf die Kante ihres Schreibtischs. „Sonst fühl ich mich alt.“

„Mister Rowland“, sagte sie noch einmal, freundlich, und sah dabei eine Spur zu lange zur Holztür. „Möchten Sie einen Kaffee? Die Maschine ist neu. Ich weiß noch nicht genau, wo man das Wasser –“ Sie hörte sich selbst. „Doch. Natürlich weiß ich das.“

„Später.“

„Später. Gut.“ Sie schrieb etwas auf den Block. Er konnte es auf dem Kopf lesen. Kaffee J. Zweimal unterstrichen.

„Wie lange sitzen Sie jetzt da?“

„Das wissen Sie.“

„Sagen Sie’s trotzdem.“

„Neun Jahre.“ Sie sah auf den Block. „Im Mai zehn.“

Er wusste es. Er ließ es sich trotzdem sagen. Es kostete weniger als ein Kompliment und wirkte länger.

Die Mappen lagen nach Dringlichkeit. Rot war heute. Das war seit Jahren so, und seit Jahren lag ganz oben auf der roten eine mit seinem Namen, in ihrer runden Schrift.

Er tippte mit dem Finger darauf. „Und ich?“

„Sie sind heute.“

Er stellte die Bäckertüte auf den Tresen und schlug die rote Mappe auf.

Neugierig, wie es weitergeht?

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