Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 7

Die gekaufte Roma Braut

Kapitel 01 — Neun Männer, ein Atemzug

Ein Tropfen Schweiß brannte in Jacks linkem Auge, aber er blinzelte ihn einfach weg. Er rührte sich keinen Millimeter. Der schwere Einsatzhelm drückte wie ein Schraubstock auf seinen Schädel, die dunkle Hose klebte ihm heiß an den Oberschenkeln. Die flimmernde Luft über dem kurzgeschorenen Rasen des Fußballplatzes schmeckte nach Staub, Sonnencreme und dem scharfen, beißenden Gestank von Zweitaktgemisch.

Atmen. Einfach nur atmen.

Er spürte Martin direkt neben sich, hörte den flachen, rauen Atem der anderen sieben Männer im Nacken. Neun Herzen im selben rasenden Rhythmus. Hier draußen, auf dieser weißen Kalklinie, war die Welt kristallklar. Keine drängenden Blicke seines Vaters, keine erdrückende Verantwortung für den Hof – dieses über Generationen gewachsene Millionenunternehmen, das Tag und Nacht an ihm zerrte. Und ganz oben auf dem randvollen Fass lag Evelyn, der eine Tropfen, der alles zum Überlaufen brachte: Vor vier Wochen hatte sie den endgültigen Schlussstrich gezogen, nach einem Jahr, in dem sie vergeblich auf den Antrag gehofft hatte, den er ihr aus lauter Zögern nie gemacht hatte – ein Zögern, das er nun mit jeder Faser bereute. Er presste die Hände flach an die Hosennaht, bis die Knöchel weiß hervortraten. Er brauchte diesen Lauf. Diese wenigen Sekunden absoluter, brutaler Kontrolle, in denen er nicht der zögernde Verflossene war, sondern nur ein Muskel, der genau wusste, was er zu tun hatte.

Auf dem Rasen trat der Hauptbewerter im weißen Hemd vor. Das halbe Dorf hinter der Absperrung verstummte. Die Stille fiel wie ein Beil herab, erdrückend und schwer. Jack spannte die Oberschenkel an, eine menschliche Stahlfeder kurz vor dem Zerreißen.

Dann durchstach der schrille Pfiff die Stille. Und Jack rannte.

Die Stollenschuhe gruben sich in die weiche Erde, der Atem brannte in den Lungen, doch sein Verstand hatte sich längst abgeschaltet. Neben ihm sprintete Martin, hinter ihnen der Wassertrupp. Kein Überlegen, kein Raum für Zweifel. Jeder Handgriff saß. Sie funktionierten wie die perfekt geölten Zahnräder eines Schweizer Uhrwerks.

Jack kuppelte den schweren C-Schlauch an den Verteiler. Ein lautes, metallisches Klack. Im selben Bruchteil einer Sekunde riss der Maschinist den Hebel der Tragkraftspritze hoch. Der Motor heulte brüllend auf, und das Wasser schoss mit gewaltigem Druck durch das weiße Gewebe.

Jack erreichte die rote Ziellinie. Er warf sich auf den Bauch, riss das Strahlrohr hoch. Das Wasser schoss heraus und traf exakt die Zielmarkierung.

Der Hauptbewerter riss die Hand in die Höhe. Die Stoppuhr klickte. Die Zeit stand still.

Für einen Außenstehenden aus der Stadt mochte das wie skurriler Klamauk wirken: neun erwachsene Männer, die auf einem Fußballplatz über Schläuche stolperten, ein bedeutungsloser Provinz-Wettkampf. Doch für diese Männer und die vielen Zuschauer hinter der weißen Absperrung war es ein Moment von tiefer, fast spiritueller Bedeutung.

Die Zeit, die über die Lautsprecher knarzte, war eine Sensation. Sie hatten gewonnen.

Ein Ruck ging durch Jack. Eine gewaltige Welle aus Erleichterung und Triumph riss ihn von innen empor und nahm ihm für einen Moment den Atem – ein Rausch, wie ihn kein Sieg zuvor in ihm ausgelöst hatte.

Dann brach der Jubel los, ein einziges Tosen aus Schreien, Applaus und purer Ausgelassenheit. Die Anspannung fiel von den Männern ab wie ein eiserner Panzer. Männer, die im Alltag stets eine kühle Distanz wahrten, deren Gesichter von der harten Landarbeit gegerbt waren, fielen sich plötzlich hemmungslos in die Arme.

Tränen bahnten sich ihren Weg durch den Ruß und den Staub auf ihren Wangen. Sie lachten, sie brüllten, sie weinten und drückten sich aneinander, losgelöst und verletzlich wie kleine Kinder.

Mittendrin stand Jack. Er roch den Schweiß, das Wasser, das Benzin und fühlte die harten, klopfenden Hände seiner Kameraden auf den Schultern. In diesem Moment war er ein Held seiner kleinen, heilen Welt.

Die Freude brach aus Jack heraus, ungefiltert und mit einer Wucht, die ihn selbst überraschte. Er war sonst der Ruhige, der in sich Gekehrte; als einziger Sohn auf einem über Jahrhunderte gewachsenen Hof war er früh zum Fundament herangereift, zu einem Burschen, auf den man sich blind verlassen konnte.

Doch als er nun auf dem Rasen stand und sich von der jubelnden Menge umarmen ließ, fühlte es sich plötzlich hohl an. Er dachte nur daran, dass es sein eigener, fataler Fehler gewesen war, Evelyn durch sein ewiges Zögern zu vertreiben. Während die Männer um ihn herum schrien und lachten, suchten seine Blicke verstohlen die Zuschauertribüne ab. Er fand sie nicht mehr.

Der ganze Verbund schob sich wie eine unaufhaltsame Welle vom Rasen ins Festzelt. Für Jack gab es keinen Moment zu entkommen; er war im Zentrum des Triumphs gefangen. Der gewonnene Pokal stand längst bis zum Rand mit Bier gefüllt auf dem groben Holztisch und wurde in der Gruppe umhergereicht. Alle waren rot vom Sieg und vom Bier – nur einer nicht. Jack.

Als ihm das schwere Metallgefäß in die Hände gedrückt wurde, wollte er einfach nur vergessen. Er nahm den Pokal und setzte zu einem ordentlichen Schluck an.

Und genau in dem Moment, als er das Gefäß neigte, sah er sie.

Evelyn. Sie stand drüben bei der Gruppe, die sie vorhin noch angefeuert hatte. Doch sie stand dort nicht allein. Eine fremde Männerhand lag besitzergreifend auf ihrer Hüfte.

Das kühle Bier rann in Jacks Kehle, doch gleichzeitig stieß ihm ein unsichtbarer Dolch tief in die Brust. Sein Verstand hatte die Situation sofort messerscharf erkannt, aber sein Herz weigerte sich schreiend, es wahrzuhaben. Nach nur vier Wochen hatte sie ihn bereits ersetzt. Er setzte den Pokal ab. Sein Blick suchte sie durch die feiernde Menge, und jetzt trafen sich ihre Augen.

Evelyn wich nicht aus. Im Gegenteil. Sie griff ganz bewusst nach der fremden Hand auf ihrer Hüfte und hielt sie fest. Und dann, kalt und berechnend, offen vor der ganzen Feier, drehte sie den Kopf und küsste den fremden Kerl mitten auf den Mund – den Blick dabei fest in Jacks Augen gebohrt. Das hast du nun von deiner Warterei, schien die Geste zu rufen.

Ein Schlag in die Magengrube raubte Jack den Atem. Er starrte auf ihre Finger, die sich mit einer solchen Selbstverständlichkeit um die fremde Hand auf ihrer Hüfte schlossen, dass sich ihm die Kehle zuschnürte. Das Lachen im Zelt dröhnte in seinen Ohren wie beißendes Gespött. Ohne den Blick von ihrer Hand zu wenden, griff er nach dem schweren Pokal. Er spürte das kalte Metall gegen seine Lippen, bis das Bier in einer bitteren, schaumigen Welle seinen Widerwillen hinunterspülte. Er ließ den Pokal nicht los, bis er bis auf den letzten Tropfen leer war – in der Hoffnung, das brennende Bild in seinem Kopf einfach mit wegzuspülen. Das Bierzelt tobte, seine Kameraden brüllten und hämmerten auf die Tische und feierten ihren unverwüstlichen Helden. Doch für Jack verschwand alles um ihn herum; der Jubel wurde zu einem dumpfen, bedeutungslosen Rauschen. Nur gab das Bier den ersehnten, betäubenden Alkohol nicht annähernd so schnell ans Blut ab, wie Jack seinen Kummer ertränken wollte.

Also ließ er sich volllaufen. Mit jedem weiteren Glas schob er die Erinnerung an den trotzigen Blick und die fremde Hand ein Stück weiter in die Dunkelheit, bis endlich ein dichter, betäubender Nebel sich über seinen Verstand legte, die Gesichter verschwimmen ließ und ihn in einen tiefen, traumlosen Schlaf zog.

Was er nicht mehr wahrnahm, war das tragende Netz seiner Kameradschaft. Seine Männer ließen ihn nicht fallen. Ohne große Worte packten sie den bulligen Kerl, wuchteten ihn hoch und schleiften ihn nach draußen. Die Reise ans Schwarze Meer war seit Monaten geplant, ein reiner Männerausflug – und bis zuletzt hatte ausgerechnet Jack mit der Absage geliebäugelt, in der leisen Hoffnung, das Wochenende doch bei Evelyn zu verbringen und alles zu kitten. Jetzt hielt ihn nichts mehr im Tal. Jeder hatte seine Koffer schon vor dem Wettkampf hinter dem Festzelt deponiert; nun verstauten sie nicht nur ihr Gepäck, sondern auch ihren bewusstlosen Helden auf der Rückbank des gemieteten Reisebusses. Am Steuer saß ein gebürtiger Rumäne, der seit Jahren für ein österreichisches Unternehmen die Strecken in den Osten fuhr und die Gegend, ihre Sprache und ihre Sitten kannte wie kaum ein anderer.

Während der Bus über die nächtliche Autobahn nach Osten rollte, schlief Jack. Die gleichmäßigen Vibrationen des Motors und die kühle Luft der Klimaanlage umfingen ihn, während sein von der harten Hofarbeit gestählter Körper die Hitze des Zeltes und das Gift des Alkohols lautlos abzuarbeiten begann.

Tausendzweihundert Kilometer weiter östlich, am selben glühenden Tag, tropfte Claras Schweiß in einen Eimer mit trübem, grauem Wasser.

Ihre Knie brannten wie Feuer auf dem harten Linoleumboden des rumänischen Großraumbüros, doch sie schrubbte rhythmisch weiter. Die Luft stand still und schmeckte nach billigem Chlorreiniger und jahrelangem Schmutz. Trotz der unerträglichen Hitze dachte sie nicht im Traum daran, den dicken, abgewetzten Pullover auszuziehen, der an ihrem Körper klebte. Er war ihre Rüstung. Genau wie die sackartigen Hosen und die strähnigen Haare.

Mach dich klein. Sei unsichtbar. Das war das einzige Mantra, das sie am Leben hielt.

Jahrelang war sie als Seiltänzerin mit einer kleinen, reisenden Truppe durch Europa gezogen – ihre einzige Flucht vor der harten Hand ihrer Ziehfamilie. Dort oben, auf dem dünnen Drahtseil unter der Zeltkuppel, war sie frei gewesen. Sie hatte auf den Tourneen sogar ein wenig Deutsch gelernt und zum ersten Mal so etwas wie echten Respekt gespürt. Doch dann war der alte Besitzer schwer krank geworden, der Zirkus ging bankrott, und mit ihm starb der einzige Ort, an dem sie je ein Gesicht hatte haben dürfen. Gezwungenermaßen war sie zu ihrer Ziehsippe zurückgekehrt und damit wieder ganz unten angekommen: ein clanloses Findelkind, das nun in den Eingeweiden eines fremden Gebäudes putzte. Solange sie unscheinbar blieb, den Kopf senkte und im Hintergrund verschwand, ließen die Männer auf den Fluren sie in Ruhe. Sie krallte die rissigen Finger tiefer in die nasse Bürste und betete stumm, dass die dröhnenden Schritte im Stockwerk über ihr vorbeiziehen würden.

Erst spät am Abend endete Claras Schicht. Zwölf Stunden auf den Knien, zwölf Stunden beißender Chlorgeruch in den endlosen Korridoren. Die stämmige Vorarbeiterin mit der harten Stimme trieb die billigen Arbeitsbienen zusammen. Sie waren alle restlos erledigt.

Todmüde saß Clara in einem kleinen, verrosteten Bus, der scheppernd aus der Stadt hinaus in Richtung der entlegenen Siedlung ratterte – eine ganze Stunde Fahrt. Der Innenraum war viel zu eng, die Luft roch nach Reinigungsmittel und den schweißgetränkten Gewändern der Frauen, die Schulter an Schulter gepresst saßen. Niemand sprach ein Wort. Vorne ließ der Fahrer ein altes Radio leise wehmütige Musik spielen.

Die Frauen hielten zusammen, nicht aus Zuneigung, sondern aus bitterer Notwendigkeit: Entsprach die Arbeit in den Büros nicht den Zielen der Auftraggeber, musste nachgearbeitet werden – von allen, unbezahlt und quälend. Auf Clara aber war Verlass. Sie schrubbte härter und ausdauernder als die meisten. Das sicherte ihr zwar noch immer keinen echten Platz in der Sippe – sie blieb das clanlose Findelkind, nicht durch Blut mit ihnen verbunden –, aber die Frauen respektierten sie dafür. Für sich behalten durfte Clara von dem Geld nichts; ihr Anteil war die windschiefe Baracke, in der sie schlafen durfte, eine tägliche Mahlzeit und abgelegte Kleider.

Doch während sie den Kopf gegen die vibrierende Scheibe lehnte und in die Dunkelheit starrte, wich die Anspannung langsam aus ihrem Körper. Sie kannte die grausamen Schicksale mancher Weggefährtinnen, die auf dem Strich arbeiten mussten und die Realität nur noch betäubt von harten Drogen ertrugen. So gesehen ging es ihr schlecht, aber längst nicht so schlecht, wie es ihr gehen könnte. Sie war am Leben, sie war sicher, und sie war einfach froh, dass dieser Tag vorüber war.

An einem gewöhnlichen Sonntag hätte wenigstens kein Termin in den gläsernen Käfigen der Stadt gewartet. Doch der Sonntag, der vor ihr lag, war kein gewöhnlicher. Dass die ganze Sippe im Morgengrauen zum alljährlichen Brautmarkt aufbrechen würde – an dem auch sie als Braut mitgeführt wurde –, daran wollte Clara in ihrer bleiernen Erschöpfung mit keinem Gedanken rühren. Nicht heute Nacht. Sie lehnte die Stirn an das kühle, vibrierende Glas und ließ die Dunkelheit an sich vorbeiziehen.

Neugierig, wie es weitergeht?

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