Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 7

Die Frau vom Markt

Kapitel 1 – Neun Männer, ein Atemzug

Ein Tropfen Schweiß brannte in Jacks linkem Auge. Weggeblinzelt. Kein Millimeter sonst. Der Helm drückte.

Die Hose klebte an den Oberschenkeln. Über dem kurzgeschorenen Rasen flimmerte die Luft und schmeckte nach Staub, Sonnencreme und Zweitakt.

Atmen.

Martin stand Schulter an Schulter. Hinter ihnen die anderen sieben. Flacher Atem im Nacken. Neun Männer auf der Kalklinie.

Drei Meter dahinter die Tragkraftspritze, der Maschinist mit der Hand am Griff. Die Schläuche in der Reihe, gerollt, die Kupplungen nach oben.

Der Verteiler in der Mitte. Am Ende das Rohr. Zwanzig Schritte bis zur roten Linie. Jack kannte sie einzeln.

Auf der Straße hinter dem Platz schaltete ein Traktor zurück. Dann nichts mehr.

Freitagabend, kurz vor der Heuernte. Anders bekam man das Dorf nicht an den Zaun.

Vor ihnen hatten sieben Wehren gelöscht. Die Zeiten hingen auf der Tafel neben der Schank, mit Kreide, und die beste stand oben, seit vier Jahren dieselbe, aus dem Nachbartal.

Der Kommandant hatte sie vorhin abgeschrieben und den Zettel in die Brusttasche gesteckt, ohne etwas zu sagen.

Der Bewerter ging die Linie ab und sah auf die Schuhe. Bei Jack blieb er nicht stehen.

„Nicht zur Tribüne schauen“, sagte Martin, ohne den Kopf zu drehen.

„Tu ich nicht.“

Hatte er. Zweimal. Dritte Bank, bei den Fähnchen. Evelyn hatte geklatscht, als sie einliefen.

Einer neben ihr hatte etwas gesagt, und sie hatte gelacht, laut genug für die Reihe darunter. Zwei Köpfe hatten sich umgedreht. Jack hatte die Köpfe gezählt.

Hier war die Welt eine Linie.

Kein Vater am Frühstückstisch, der über den Rand der Zeitung sah und nichts sagte. Keine Lieferscheine auf dem Sims. Keine Bank, die anrief, wenn eine Fuhre zu spät ging. Kein Hof, der seit dem ersten Heuballen an ihm zog und ihn morgens schon fand, bevor er die Augen aufhatte. Und obenauf sie.

Vor vier Wochen Schluss, nach einem Jahr, in dem sie auf einen Satz gewartet hatte.

Den Satz hatte er auf dem Traktor gehabt, im Stall, einmal mit ihrer Hand in seiner, im Auto vor ihrem Haus. Gesagt hatte er ihn nie. Gezögert. Noch einmal gezögert. Dann war sie gegangen.

Und nicht nur der Satz. Evelyn lachte laut, auch wenn das halbe Zelt zuhörte, und warf dabei den Kopf in den Nacken. Sie tanzte, mit wem sie wollte.

Am Kirtag hatte ein Bursche aus dem Nachbartal ihr ein Bier gebracht. Sie hatte es genommen, ohne zu Jack hinüberzusehen.

Danach hatte er auf das Glas gestarrt, nicht auf sie, und den Rest des Abends seinen eigenen Krug gedreht. Eine, die fremde Blicke aushielt, konnte ihn vor allen bloßstellen. Also das Warten.

Bequemer als die Wahrheit: Er wollte sie. Aber nur, wenn sie aufhörte, so frei zu stehen.

Genug. Die Hände an die Naht, fest. Ein paar Sekunden, in denen nur Arme und Beine da waren.

Hinter ihnen setzte der Maschinist den Daumen auf den Starter und ließ ihn dort.

Martin verlagerte das Gewicht auf den vorderen Fuß. Der Letzte in der Reihe zog den Kinnriemen nach, obwohl er saß.

Der Bewerter im weißen Hemd hob die Pfeife. Hinter der Absperrung verstummte das halbe Dorf. Ein Kind fragte etwas. Die Mutter legte ihm die Hand auf den Mund. In den Oberschenkeln die Spannung.

Der Pfiff.

Rennen.

Stollen in der Erde. Die Lunge. Neben ihm Martin, hinter ihnen der Trupp. Jeder Griff saß.

Hundertmal auf diesem Platz, abends nach der Stallarbeit, wenn die anderen schon beim Essen saßen und das Licht über dem Rasen knapp wurde. Erst die Kupplung. Dann der Hebel. Dann das Rohr. Bis man es auch ohne Augen konnte.

Klack. C-Schlauch am Verteiler. Der Maschinist riss den Hebel hoch. Der Motor. Wasser durchs Gewebe. Der Schlauch bäumte sich unter Jacks Händen, wurde rund, hart.

Rote Linie. Bauch. Strahlrohr hoch. Das Wasser traf die Markierung.

Die Hand des Bewerters ging hoch. Die Uhr klickte.

Am Zaun ein Urlauber, Handy quer: neun Männer, Schläuche, Provinz. Neben ihm die Frau, beide Hände vor dem Mund. Tränen. Das Handy weg.

Die Zeit kam aus dem Lautsprecher. Einer schrie sie nach. Dann wussten es alle.

Jack blieb liegen, das Rohr in den Händen, und lachte ins nasse Gras. Kein Hochkommen. Auch kein Versuch.

Der Maschinist stellte ab. Das Wasser sackte im Schlauch zusammen, und der Platz war zwei Sekunden lang still, so still, dass man die Lautsprecherbox knacken hörte.

Dann der Lärm. Schreie. Hupen vom Parkplatz. Der Maschinist, der sonst zwei Finger an den Hut nahm, hob Martin und drehte sich mit ihm.

Männer, die sich sonst höchstens beim Karteln auf die Schulter schlugen, fielen sich in die Arme, Helm gegen Helm, und keiner ließ als Erster los.

Tränen durch Schweiß und Staub. Lachen, Brüllen, Weinen, Drücken, als sei das erlaubt, weil die Uhr es gesagt hatte.

Einer kniete neben dem Verteiler und kuppelte ihn ab, weil es der Handgriff war, der immer kam. Auf halbem Weg hielt er inne, sah die Kupplung in seiner Hand an und ließ sie ins Gras fallen.

Drüben an der Tafel wischte einer die Kreide weg und schrieb die neue Zeit darüber. Er trat zurück.

Er sah die Zahl lange an und tippte mit der Kreide neben die letzte Ziffer, ohne sie zu berühren.

Die Männer aus dem Nachbartal standen daneben, die Helme unterm Arm, und einer von ihnen nickte Jack zu, über den ganzen Platz.

Der Kommandant zog den Zettel aus der Brusttasche, sah darauf und steckte ihn wieder ein. Er gab Jack die Hand, fest, und machte zweimal den Mund auf. Es kam nichts.

Martin zog ihn an der Jacke hoch. Hände auf Jacks Schultern, hart, von allen Seiten. Schweiß, Wasser, Benzin.

Jack, sonst der, der bei jeder Feier als Letzter ein Glas anrührte und als Erster die Schlüssel einsammelte, die Autoschlüssel der anderen in der Jackentasche. Einziger Sohn.

Auf ihn hatte man sich verlassen, seit er einen Ballen heben konnte. Heute ließ er es zu.

Einer hielt ihm eine Flasche Wasser hin. Die Hälfte getrunken, den Rest über den Nacken. Das Wasser lief ihm in den Kragen und war wärmer als der Schweiß.

Jemand küsste ihn auf die Stirn. Jack ließ es und sah über die Schulter des Mannes zur dritten Bank.

Neugierig, wie es weitergeht?

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