Leseprobe
Jack & Clara · Band 14
Ihre Asche lügt
Kapitel 1 – Die Tochter des Hauses
Kurz vor Claras Verhaftung
Der Kellner sagte ihr zum zweiten Mal, dass die Terrasse geschlossen sei. Eine private Veranstaltung.
Clara sah auf seine Hand. Er hatte sie gegen den Türrahmen gelegt, nicht direkt vor sie, aber deutlich genug. Junge Finger, saubere Nägel, eine kleine Brandwunde am Daumen. Er arbeitete vermutlich seit dem Nachmittag und wollte diesen Teil des Abends hinter sich bringen.
Hinter ihr lachte ein Mann. Clara drehte sich nicht um. Sie kannte das Lachen seit zwei Stunden und würde es morgen nicht mehr kennen müssen. Der Kellner schaute über ihre Schulter zu ihm, suchte die Person, die vernünftiger sein könnte.
Das war sein Fehler.
Clara sagte nichts. Sie hob den Blick von seiner Hand zu seinem Gesicht und ließ ihn dort.
Mehr brauchte es nicht.
Das Licht fiel auf die Narbe an ihrem Kinn. Sein Blick sprang von der Narbe zu ihren Augen. Was er dort sah, ließ ihn schlucken. Ruhe. Kälte. Und darunter ein Funkeln, als warte sie nur darauf, dass er noch einen Satz sagte.
Er sagte keinen. Die Hand ging aus dem Türrahmen.
„Verzeihung. Ich habe Sie nicht gleich erkannt.“
Er trat zur Seite.
Hier kannte man die Narbe. Und die Familie, zu der Clara gehörte.
Auf der Terrasse spielte ein Streichquartett für Menschen, die nicht zuhörten. Clara nahm den Tisch mit Blick auf den Pool. Der Mann, der hinter ihr gelacht hatte, setzte sich ihr gegenüber, legte den Schlüssel seines Wagens neben das Glas und lächelte, als hätte er die Terrasse geöffnet.
Sie ließ ihn lächeln.
Er hieß Nicolás. Dreiunddreißig, behauptete er. Er sah jünger aus und sprach, als hoffe er, dadurch älter zu werden. Importgeschäft, sagte er. Kontakte in Miami. Ein Onkel mit einem Haus am Meer. Clara hörte ihm zu, während sie die anderen Tische prüfte. Zwei Leibwächter am Eingang, einer am Aufzug. Die Frau in Rot kannte die Familie. Der Mann, der beim Lachen die Hand vor den Mund hielt, schuldete der Familie Geld. Nichts Überraschendes.
Nicolás berührte ihr Handgelenk.
„Du hörst mir gar nicht zu.“
„Doch. Dein Onkel ist reich.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Du hast es seit zehn Minuten gesagt.“
Er lachte wieder. Diesmal unsicher. Clara strich mit dem Daumen über seinen Handrücken, und er hielt den Atem an, als habe sie sich gerade erst für ihn entschieden.
Vielleicht hatte sie das.
Ihr gefiel, dass er gut roch. Dass er nichts von ihr wissen wollte, was nicht in ein Kompliment passte. Er fragte nicht nach den Narben, nachdem sie ihm einmal gezeigt hatte, dass sie keine Antwort geben würde. Er glaubte, sie sei gefährlich auf die Art, die man später erzählen konnte.
Sie war müde genug, ihm diesen Irrtum zu lassen.
Das Telefon vibrierte. Salazar. Mateo Salazar kümmerte sich um die Ladungen und die Fahrer.
Clara ließ Nicolás’ Hand los und nahm ab.
„Was?“
Eine Ladung stand fest. Nicht an der Grenze, davor. Falsche Papiere, sagte Salazar. Ein Fahrer sei verschwunden, der Ersatz weigere sich, weiterzufahren. Clara schloss die Augen. Hinter den Lidern pochte der Druck, den das Kokain für eine Weile in etwas Angenehmes verwandelt hatte. Jetzt war nur noch das Pochen da.
„Wo?“
Salazar nannte den Hof.
„Wer ist dort?“
„Camilo.“
„Dann soll Camilo es lösen.“
„Die Señora will, dass du kommst.“
Clara öffnete die Augen.
Die Señora. So nannten die Männer Teresa Valdés. Sie war die Mutter von Rafael, Claras totem Mann. Clara nannte sie Mama.
Nicolás griff schon nach seinem Schlüssel, als wäre der Abend vorbei. Clara sah ihn an. Er ließ ihn liegen, bis sie aufstand.
„Zwanzig Minuten“, sagte Clara und legte auf.
Im Wagen zog Nicolás die Musik leiser.
„Ist alles in Ordnung?“
„Nein.“
Er wartete auf mehr. Sie ließ ihn warten. Durch die Windschutzscheibe liefen die Lichter der Straße, verschwammen für einen Augenblick und wurden wieder scharf. Clara hatte zu wenig gegessen. Zu viel genommen. Der linke Lungenflügel stach beim tiefen Atemzug, also atmete sie flacher.
Nicolás legte die Hand auf ihr Knie.
Sie sah hin.
Er nahm sie weg.
Am Hof sagte sie ihm, er solle im Wagen bleiben. Er fragte, wie lange. Clara schloss die Tür, bevor sie etwas antwortete, das er ernst nehmen müsste.
Camilo stand neben einem Lastwagen. Groß, grauhaarig, mit einer Jacke, die an den Ellbogen glänzte. Er arbeitete schon länger für die Familie, als Clara dazugehörte. Er hatte sie kennengelernt, als Rafael noch lebte und sie versuchte, bei Tisch nicht zu schnell zu essen.
„Du hättest nicht kommen müssen“, sagte er.
„Sag das Mama.“
Er verzog den Mund, beinahe ein Lächeln.
Der Ersatzfahrer stand vor dem Büro. Ein junger Mann mit beiden Händen in den Taschen. Als Clara auf ihn zuging, nahm er sie heraus.
„Ich fahre das nicht.“
„Dann bist du kein Ersatzfahrer.“
Er schluckte.
„Die Papiere stimmen nicht. Wenn sie mich anhalten –“
„Dann zeigst du, was sie dir gegeben haben.“
„Mein Bruder ist deswegen im Gefängnis.“
Clara blieb vor ihm stehen. Hinter dem Fenster des Büros bewegte sich Salazar. Er war also selbst gekommen. Er hätte herauskommen können. Er wartete darauf, was sie tat.
„Dein Bruder hat geredet“, sagte sie.
„Mein Bruder hat nichts gesagt. Er ist nur gefahren.“
Camilo kam näher. Clara hob die Hand, und er blieb stehen.
Der junge Mann wurde blass. Sein Blick sprang zum offenen Hofeingang. Clara verschob den Fuß, nur ein Stück. Er sah wieder sie an. Der Druck hinter Claras Augen pulsierte. Durch das offene Bürofenster redete Salazar auf jemanden ein. Sie hob zwei Finger, und er hielt den Mund.
Sie schlug dem Fahrer mit dem Handrücken ins Gesicht.
Er taumelte gegen die Wand. Blut lief aus seiner Lippe. Seine Hände gingen hoch, nicht zum Schutz, eher aus Überraschung.
„Noch ein Wort“, sagte sie, „und ich besuche deinen Bruder persönlich.“
Er nickte. Zu schnell.
Camilo sagte ihren Namen. Nicht warnend. Müde.
Clara drehte sich zu ihm.
„Was?“
„Die Papiere sind tatsächlich falsch.“
Neugierig, wie es weitergeht?
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