Leseprobe
Jack & Clara · Band 2
Der Henker und die Unschuld
Kapitel 1 — Der letzte Weg
Das Wasser in der Schale war eisig.
Es wird Blut fließen.
Er schöpfte es mit beiden Händen und ließ es über seinen fast kahlgeschorenen Kopf rinnen. Die Kälte schnitt in seine Haut, doch sie durchdrang nicht den dichten Nebel in seinem Geist. Der Raum stank nach nassem Stein, altem Schweiß und der nackten, sauren Ausdünstung von Todesangst, die sich über Jahrzehnte in die Fugen gefressen hatte.
Herr, steh mir bei. Rette mich.
Seine Lippen formten die Worte wieder und wieder, tonlos, fieberhaft. Er betete ohne Unterlass, reihte die Silben aneinander, bis sie ihren Sinn verloren und ihn in eine tiefe, fast schmerzhafte Trance zogen.
Sei mein Beschützer. Vergib meine Sünden. Ich habe gesündigt.
Sein ganzer Körper war ein stetiges Wechselspiel aus Qual und Kontrolle. Jeder Muskel in seinen Armen und seinem Nacken spannte sich krampfhaft an, hart wie Stein, nur um sich mit dem nächsten tiefen, stoßartigen Ausatmen wieder zu lösen. Anspannung. Entspannung. Ein physisches Echo der nackten Angst, die in den feuchten Mauern hing, so schwer und drückend, dass sie einem die Luft zum Atmen nahm.
Draußen war die Stadt längst erwacht. Durch die schmalen Ritzen unter der Decke drang der Lärm von Tausenden, der mit jeder verdammten Sekunde lauter wurde. Die Gassen und Plätze waren verstopft mit Schaulustigen, ein wogendes Meer aus Leibern, das keinen Fluchtweg ließ. Er hörte sie grollen. Es war das tiefe, unablässige Knurren eines riesigen, gierigen Monsters, das ungeduldig auf seine Fütterung wartete. Auf frisches Fleisch. Auf warmes Blut.
Licht. Goldenes, unendliches Licht, das sich über die taunassen Wiesen ergoss.
Weit jenseits der erstickenden Stadtmauern, wo das Tosen der Menge nur noch ein fernes, kaum hörbares Grollen war, das sich im Gesang der Lerchen verlor, sprengten an eben diesem Morgen zwei Reiterinnen über die Hügel. Sie hatten ihren Begleitern einen Streich gespielt und waren ihnen davongeprescht – ein gestohlener Vormittag, getränkt in grenzenloser Freiheit.
Adelheid lag tief über dem Hals ihrer Stute. Der kühle Morgenwind riss ihr die Nadeln aus dem Haar, und sie lachte – ein helles, perlendes Geräusch, das unbeschwert in den weiten, strahlend blauen Himmel aufstieg. Clara blieb ihr dicht auf den Fersen, die Zügel locker in den Händen, das Gesicht der Sonne zugewandt. Hier draußen roch die Welt nach feuchter Erde und zerdrücktem Klee. Es gab keine Hofmeisterinnen, keine steifen Regeln, keine erdrückenden Mauern. Nur den Horizont und das rhythmische, schwerelose Donnern der Hufe im weichen Gras. Sie flogen über die Erde, unantastbar und ewig.
Ein paar letzte, tiefe Atemzüge noch. In der Zelle war die Luft zum Schneiden dick.
Er wusste, er konnte die Zeit nicht weiter hinauszögern. In seinem Geist sah er sie bereits vor sich: Auf den gehobenen Sitzbänken der Tribüne nahmen die feinen Stadtdamen in ihren engen, aufregenden Gewändern Platz. Sie tuschelten hinter vorgehaltenen Fächern, die Augen glänzend vor morbidem Nervenkitzel, voller Vorfreude auf das bevorstehende, blutige Ereignis.
Noch ein paar Atemzüge. Die Spannung in der dunklen Kammer wurde beinahe unerträglich, presste ihm die Luft aus den Lungen wie ein eiserner Schraubstock.
Ich muss mich konzentrieren.
Er wischte sich das eisige Wasser aus dem Gesicht. In diesem Moment wurde mit einem ohrenbetäubenden Ächzen die schwere Eisentür aufgeschlagen. Grelles Morgenlicht und die plötzliche, rohe Gewalt des Lärms brachen ungebremst in die Dunkelheit der Zelle ein und zerrissen die Stille.
Im Türrahmen stand ein junger Mann, der Henkersgeselle. Er trat nicht ein, sondern blieb demütig auf der Schwelle stehen, den Blick respektvoll zu Boden gerichtet.
„Es ist Zeit, Meister”, sagte er. Seine Stimme war gesenkt, ehrfürchtig, die Worte klangen beinahe wie ein eigenes, stilles Gebet gegen den tobenden Wahnsinn draußen.
Jack tat zwei letzte, tiefe Atemzüge. Anspannung. Entspannung. Dann erhob er sich aus den Schatten.
Mit seinen fast ein Meter neunzig und weit über hundert Kilogramm purer Muskelmasse war er eine furchteinflößende Erscheinung. Ein Mann, gebaut wie ein unüberwindbarer Berg, dessen schiere Präsenz die ohnehin knappe Luft im Raum zu verdrängen schien.
Erst jetzt, da er aufrecht stand und den Blick freigab, fiel das grelle Licht auf die zweite Gestalt in der Zelle.
Direkt neben Jack, auf den feuchten Steinen kauernd, kniete der wahre Verurteilte. Der arme Sünder. Lothar. Er zitterte derart heftig, dass seine schweren Eisenketten ein beständiges, metallisches Klirren von sich gaben, doch auch er hatte die geschenkte Zeit genutzt. Er hatte den Rat befolgt, den Meister Jack ihm zu Beginn dieser letzten, dunkelsten Stunde gegeben hatte: Nutze diese Momente. Schließ Frieden mit deinem Leben, bevor das Licht erlischt.
Jack legte ihm die Hand auf die Schulter. Nur einen Atemzug lang – es stand nicht im Gesetz, doch er tat es jedes Mal.
Er tat es nicht aus Weichheit. Ein Mann, der vor Angst die Beherrschung verlor, starb schlecht – er warf den Kopf herum, riss an den Ketten, spannte den Nacken im falschen Moment, und dann fuhr die Klinge fehl. Aus dem Urteil wurde ein Gemetzel, und ein Gemetzel war es, das die Menge zum Kippen brachte, das den Henker selbst von seinem Gerüst riss, um ihn in Stücke zu reißen. Ein ruhiger Mann starb sauber. Das Volk war gekommen, um ein Schauspiel zu sehen, und ein gutes Schauspiel brauchte gute Darsteller – auch jenen, der sterben sollte. Jacks Sanftheit war einstudiert, ein genau berechneter Griff seines Handwerks, so sehr wie der Schliff seiner Klinge.
Und doch war das nicht alles, und Jack wusste es. Er hatte selbst zu oft in der Dunkelheit gekniet und denselben Herrn um Beistand angefleht, den Lothar jetzt anrief. Er kannte diese Angst von innen, Nacht für Nacht, vor jeder Hinrichtung. Wer einem Menschen die letzte Stunde nahm, schuldete ihm wenigstens das eine: dass in dieser Stunde noch jemand ihn als Menschen ansah. Und sei es ausgerechnet der, der ihn töten würde.
„Steh auf, Lothar”, sagte er leise, aber mit unerbittlicher Festigkeit. „Der Weg ist kurz. Ich gehe ihn mit dir.”
Der Geselle richtete den Zitternden auf und prüfte ein letztes Mal die Ketten. Dann traten sie hinaus.
Das Licht schlug ihnen entgegen wie ein Faustschlag, und mit dem Licht das Brüllen. Die Bestie hatte ihr Fleisch gewittert; sie warf sich gegen die hölzernen Absperrungen, tausend Münder weit aufgerissen, Gesichter zu hasserfüllten Fratzen verzerrt, und ihr Toben rollte über die Gassen wie eine Flut aus reinem Wahnsinn.
Nicht hinsehen. Geh.
Jack ging voran – den Kopf jetzt nicht mehr gesenkt, denn jetzt sahen sie ihn, den Berg aus Schwarz, und vor dem Berg wichen sie zurück, auch wenn sie nach ihm grölten. Hinter ihm zogen die Gehilfen den Verurteilten an einem dicken Seil, ein hilfloses Bündel Elend. Die kleine Prozession schob sich voran, einen schmalen Korridor entlang, den Soldaten mit quergestellten Spießen mühsam freihielten.
Die Menschen säumten den Weg, Schulter an Schulter, Kinder auf den Armen, um besser zu sehen, wie ein Mensch zugrunde ging. Manche bekreuzigten sich heuchlerisch. Andere spuckten nach Lothar, schleuderten Flüche und faulendes Obst, das mit einem widerlichen Klatschen auf seinen Schultern zerplatzte. Er taumelte, mehr getragen als gehend, die Lippen im stummen Gebet. Jack hörte das Klatschen, das Grölen, die bestialischen Schmährufe – und ging hindurch, als wäre es nichts als kalter Regen.
Am Rand des Platzes, im Schatten einer alten Mauer, stand die kleine Kapelle. Jack stieß die knarrende Holztür auf, und mit einem Schlag blieb der Lärm draußen zurück. Drinnen brannten Kerzen, es roch nach altem Weihrauch, und ihr Schein warf ein warmes Flackern auf den kargen Stein. Am Altar wartete ein alter, gebeugter Priester, den Rosenkranz um die knorrigen Finger geschlungen.
Sie ließen Lothar auf die Knie sinken.
„Beichte”, sagte Jack leise. „Reinige deine Seele, ehe du vor den Herrn trittst.”
Lothar sprach. Die Worte kamen brüchig, stoßweise, oft unterbrochen von tränenersticktem Würgen, doch sie kamen. Der Priester hörte zu, murmelte seine Gebete und zeichnete am Ende ein Kreuz auf die Stirn des Verurteilten. Für einen Augenblick, im stillen Kerzenschein, sah Lothar beinahe friedlich aus.
Dann fiel die Tür wieder auf, und der Lärm verschlang sie erneut.
Draußen auf den Feldern existierte kein Lärm. Nur das reine, wilde Rauschen des Windes.
Clara und Adelheid ließen die Pferde im Galopp ausgreifen, Seite an Seite, bis ihnen der Fahrtwind die Freudentränen in die Augen trieb.
„Schneller!”, rief Adelheid übermütig, warf den Kopf zurück und lachte aus voller Kehle. Clara beugte sich tief über den Pferdehals und gab den Zügeln nach. Eine Weile flogen sie dahin, als hätten sie der ganzen Welt und allem, was an Pflichten, Sorgen oder Leid auf sie wartete, den Rücken gekehrt. Zwei junge Mädchen, eingehüllt in das gleißende Licht des Vormittags, die das Leben in vollen, trunkenen Zügen tranken und keinen einzigen Gedanken an die Dunkelheit verschwendeten, die zur selben Stunde hinter den fernen Mauern regierte.
Der letzte Weg. Über den Platz, durch die tobende Gasse aus Leibern, hinauf zu den rauen, hölzernen Stufen, die nach Verderben rochen. Jack ging voran, Stufe um Stufe, hinauf zum Schafott. Hinter ihm zog der Geselle den Verurteilten ein letztes Mal empor, ein Schleifen von Leder und Ketten auf Holz.
Jack spürte den Wind. Er blies in leichten, unregelmäßigen Böen von Osten her über das offene Schafott. Ein ungeübter Henker würde den Wind ignorieren – ein fataler Fehler. Bei einer Klinge von dieser Breite und diesem Gewicht konnte selbst ein sanfter Luftzug die Flugbahn um Haaresbreite verändern. Und eine Haarlocke Unterschied entschied über einen sauberen Tod oder ein qualvolles, schreiendes Massaker.
Jack korrigierte seinen Stand. Unmerklich verschob er seinen rechten Fuß um wenige Zentimeter nach hinten. Seine schweren Stiefel pressten sich in das raue Holz der Dielen. Er brauchte absoluten Halt. Die Kraft für den Schlag durfte nicht allein aus den Armen kommen; sie musste aus den Schenkeln brechen, durch die Hüfte rotieren und sich in die Klinge entladen.
Neben ihm wimmerte Lothar. Als die Stimme des Landvogts bei den Worten „… zum Tode durch das Schwert verurteilt” anschwoll, brach der letzte Widerstand des Mannes völlig. Er sackte so tief in sich zusammen, dass sein Kinn fast die Brust berührte. Er schluchzte lautlos, der ganze Körper ein einziges, erbärmliches Zittern vor dem Nichts.
Hoch auf den Tribünen bewegte sich kein einziger Fächer mehr. Die feinen Damen saßen wie erstarrte Statuen aus Seide und Samt, die Hälse gierig vorgestreckt, die Lippen leicht geöffnet vor morbider Erwartung, die Augen glänzend vor Gier nach dem letzten Akt.
„… und so wird das Urteil am heutigen Tage rechtmäßig vollstreckt”, gipfelte die Stimme des Landvogts in der feierlichen Formel. „Gott sei seiner armen Seele gnädig.”
Der Landvogt rollte das Pergament mit einem trockenen Klicken zusammen. Dann wandte er den Kopf und sah Jack direkt in die Augen. Er nickte.
Das Signal.
Ein dumpfes, vieltausendstimmiges Aufstöhnen ging durch die Menge. Das Monster spannte seine Muskeln. Es war bereit für die Fütterung.
Jack löste die Hände vom Griff des Schwertes, ließ die Waffe aber noch an Ort und Stelle stehen. Er trat an Lothar heran. Jeder Funke von Jacks eben gezeigter Sanftheit war wie weggewischt. Seine Bewegungen waren nun mechanisch, präzise, von einer furchtbaren, professionellen Kälte.
Er packte Lothar an den Schultern und zwang ihn hart in die Knie, direkt vor den hölzernen Block. Lothars Knie schlugen dumpf auf den Dielen auf, die Ketten rasselten ein letztes Mal in wilder Panik.
„Leg den Kopf ab, Lothar”, raunte Jack ihm zu, die Stimme flach und bar jeder Emotion. „Halt den Nacken gestreckt. Schließ die Augen. Denk an das Gebet.”
Lothar gehorchte wie in Trance. Er legte das Kinn auf das kalte, vom Blut der Vorgänger dunkel verfärbte Holz des Blocks. Seine Augen pressten sich so fest zusammen, dass sich tiefe Falten um seine Lider gruben. Seine Lippen bewegten sich wieder fieberhaft, lautlos.
Neugierig, wie es weitergeht?
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