Jack RowlandGeschichten über Liebe, Schuld und Vertrauen

Leseprobe

Jack & Clara · Band 2

Der Henker und die Unschuld

Kapitel 1 – Der letzte Weg

Das Wasser in der Schale war eisig.

Es wird Blut fließen.

Er schöpfte mit beiden Händen und ließ das Wasser über den fast kahlgeschorenen Kopf laufen. Kalt bis hinter die Ohren.

Er rieb die nasse Haut, schöpfte noch einmal. Im Kopf blieb es trüb. Beim Einatmen der feuchte Stein, der alte Schweiß.

Der saure Geruch der Männer vor ihm saß hier fest. Er bekam ihn mit keinem Atemzug hinaus.

Herr, steh mir bei. Rette mich.

Seine Lippen bewegten sich. Herr, steh mir bei. Wieder von vorn, ohne Ton.

Nach einer Weile blieben nur die Silben, eine an der anderen. Er hielt sich daran und ließ den Lärm dahinter zurück.

Sei mein Beschützer. Vergib meine Sünden. Ich habe gesündigt.

Dann wieder die Bäume. Das Zwielicht zwischen den Stämmen, drei, vier Paar gelbe Augen im Unterholz. Sie warteten.

Das Knurren kam von unten, bis in die Fußsohlen. Der Junge wollte rennen. Kein Schritt. Stillhalten.

Er blieb stehen, und mit ihm blieb etwas anderes stehen, das eben noch in ihm gerannt war.

So weit musste er zurück, jedes Mal. Noch vor die Gebete. Bis zu diesem Jungen und den Augen zwischen den Blättern.

Er spannte die Arme an, bis die Muskeln unter der Haut hervortraten. Ausatmen.

Die Hände wieder öffnen. Er tat es noch einmal, ließ die Spannung bis in die Finger gehen und löste sie. Draußen warteten sie weiter.

Durch die Ritzen unter der Decke drangen Stimmen. Tausende. Gassen und Plätze mussten längst voll sein, Schulter an Schulter bis an die Häuser.

Er hob den Kopf zu der schmalen Öffnung. Keine einzelnen Worte, nur das Grollen, das beim Einatmen da war und beim Ausatmen noch immer.

Licht. Goldenes Licht, das sich über die taunassen Wiesen ergoss.

Weit draußen, jenseits der Stadtmauern, war das Tosen der Menge nur noch ein fernes Grollen, das sich im Gesang der Lerchen verlor.

An eben diesem Morgen jagten zwei Reiterinnen über die Hügel. Sie hatten ihre Begleiter an der Furt stehen lassen, mit einer Ausrede über ein lahmendes Pferd, und waren davongeprescht.

Das Pferd hatte nicht gelahmt. Clara hatte ihm einen Stein aus dem Huf gekratzt, den es gar nicht gehabt hatte, und dabei ernst geschaut.

„Die suchen uns bis Mittag“, rief Adelheid über die Schulter.

„Bis zum Abend“, rief Clara zurück.

Adelheid lag tief über dem Hals ihrer Stute. Eine Haarnadel flog an Clara vorbei, dann noch eine. Adelheid lachte und ritt weiter, die Haare lösten sich.

Clara ließ die Zügel locker und hielt ihr Pferd dicht hinter ihr. Sonne im Gesicht, unter den Hufen feuchte Erde und Klee.

Heute konnte die Hofmeisterin lange nach ihnen rufen. Clara beugte sich vor. Adelheids Stute war noch immer ein Stück schneller.

„Du verlierst deine Nadeln!“

„Die Hofmeisterin zählt sie heute Abend nach.“

„Und wenn eine fehlt?“

„Dann sag ich, du hast sie verschluckt.“

Ein paar Atemzüge noch. In der Zelle war die Luft zum Schneiden dick.

Er wusste, wie es draußen aussah. Auf den Bänken der Tribüne nahmen jetzt die Stadtdamen Platz, in engen Gewändern, die Fächer vor dem Mund. Sie tuschelten. Ihre Augen glänzten.

Noch ein paar Atemzüge. Die Luft drückte ihm auf die Brust.

Ich muss mich konzentrieren.

Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Da schlug die Eisentür auf, mit einem Ächzen, das durch die Mauern lief. Morgenlicht fiel herein und mit ihm der Lärm, roh und ungebremst.

Im Türrahmen stand ein junger Mann. Er trat nicht ein. Er blieb auf der Schwelle, den Blick am Boden.

„Es ist Zeit.“

„Wie viele?“

„Der ganze Markt. Und die Dächer.“ Der junge Mann hob die Augen nicht. „Auf dem Brunnen stehen Kinder.“

Der Mann am Wasser tat zwei letzte, tiefe Atemzüge. Anspannung. Entspannung. Dann erhob er sich aus dem Schatten.

Erst jetzt, da er aufrecht stand, fiel das Licht auf die zweite Gestalt in der Zelle.

Neben ihm, auf den feuchten Steinen, kniete der Verurteilte. Der arme Sünder. Lothar.

Er zitterte so, dass die Ketten an seinen Handgelenken leise klirrten, ohne Pause, wie ein Glöckchen, das nicht aufhören kann. Doch auch er hatte die Zeit genutzt, die man ihm geschenkt hatte.

Er hatte getan, was Meister Jack ihm am Anfang dieser letzten Stunde geraten hatte. Nutze sie. Schließ Frieden, bevor das Licht ausgeht.

Jack zog die schwere, dunkle Maske über den Kopf. Das Leder blieb kurz an der nassen Haut hängen.

Er rückte es zurecht, bis die grauen Augen in den Öffnungen saßen, und strich den unteren Rand glatt.

Der junge Geselle, der kein Kind mehr war, reichte ihm gerade bis an die Schulter. Jack musste den Kopf einziehen, als er an der Tür vorbeiging. Der Raum wurde enger, wo er stand.

Er legte Lothar die Hand auf die Schulter. Einen Atemzug lang. Es stand nicht im Gesetz. Er tat es jedes Mal.

Ein Mann, der vor Angst die Beherrschung verlor, starb schlecht. Er warf den Kopf herum, riss an den Ketten, spannte den Nacken im falschen Moment.

Dann fuhr die Klinge fehl. Aus einem Urteil wurde ein Gemetzel, und nach einem Gemetzel holte die Menge sich den Henker vom Gerüst.

Ein ruhiger Mann starb sauber. Die Hand auf der Schulter gehörte zum Handwerk wie der Schliff der Klinge.

Lothars Schulter bebte unter seiner Hand. Jack ließ sie liegen. In der Nacht hatte er selbst gekniet, wie vor jeder Hinrichtung, und um dasselbe gebeten. Herr, steh mir bei.

Jetzt kamen die Worte von dem Mann neben ihm. Jack beugte sich ein wenig, bis Lothar ihn ansehen konnte.

Noch war er da. Noch durfte er eine Antwort bekommen, auch von dem Mann, der nachher das Schwert nehmen würde.

„Steh auf, Lothar“, sagte er leise. „Der Weg ist kurz. Ich geh ihn mit dir.“

„Meister.“ Lothar sah nicht auf. „Tut es weh?“

„Nicht, wenn du stillhältst.“

„Und wenn ich es nicht kann?“

„Dann halt ich dich.“

Lothar versuchte es. Die Knie gaben nach. Der Geselle griff ihm unter die Achseln, zog ihn hoch und prüfte ein letztes Mal die Ketten, jedes Glied mit dem Daumen.

„Kann er gehen?“, fragte Jack.

„Wenn wir ihn halten.“

„Dann haltet ihn.“

„Er hat die Nacht nicht geschlafen“, sagte der Geselle.

Neugierig, wie es weitergeht?

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